"...ich glaube nicht, dass es eine breite Mehrheit in der Bevölkerung gegen die Flüchtlinge gibt. Das ist Stimmungsmache."

Interview auf Youtube: https://youtu.be/reDMT17IjeI

 

ParsToday: Herr Dr. Shütt, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zu diesem Interview.

Schütt: Ja, ich begrüße Sie, Herr Shahrokny,  auch sehr herzlich und bedanke mich, dass Sie mich eingeladen haben. Ihnen und Ihren Hörerinnen und Hörern alles Gute.

 

ParsToday: Ja, vielen Dank. Herr Dr. Schütt, in der Frage einer richtigen Asylpolitik ist in der Union ein Streit entfacht. Der Innenminister Seehofer (CSU) beharrt weiter auf  Zurückweisungen von bereits registrierten Flüchtlinge an der Grenze gegen den Willen der Bundeskanzlerin Frau Merkel (CDU). Wie finden Sie Herr Dr. Schütt derartige Debatten über die Flüchtlingspolitik in der Öffentlichkeit?

Schütt: Also, ich finde es beklemmend und besorgniserregend. Es geht an den Kern des demokratischen Selbstverständnisses unseres Landes, der Bundesrepublik. Ich bin ganz und gar auf Seiten der Bundeskanzlerin. Die humane und menschliche und solidarische Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin unterstütze ich, habe ich unterstützt und unterstütze ich auch heute. Und ich finde den Angriff von Seehofer, diesen direkten Angriff, den finde ich - ich darf mal seine Wortwahl benutzen - unpatriotisch und unsolidarisch. Er stellt zumindest die Weiterexistenz dieser Regierung in Frage. Also ich hoffe sehr, dass die humane Politik der Bundeskanzlerin sich durchsetzen kann und sie braucht öffentliche Unterstützung.

 

ParsToday: Herr Dr. Schütt, wie argumentieren Gegner dieser Politik? Was tragen sie vor?

Schütt: Also,  ich kann nicht in die Hirne und Herzen dieser Menschen hineinschauen, aber ich sehe, letztlich ist es rassistisch motiviert. Und es ist auf derselben Linie wie Trump, wie also andere Regierungen auch in Europa. Auf der selben Linie wie teilweise in Österreich, wie in Italien. Europa agiert ja nicht allein. Das ist ein Frontalangriff auf den demokratischen und Völkerverbindenden Gedanken in Europa. Und das muss mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden.

 

ParsToday: Herr Dr. Schütt, Deutschland ist kein Einwanderungsland, das ist auch etwas, was in der Verfassung verankert ist. Trotzdem nimmt Deutschland immer wieder Flüchtlinge und Einwanderer aus allen Ecken der Welt auf. Also insofern hat man auch einen Grund, weshalb man  gegen diese derzeitige Asylpolitik der Bundesregierung ist.

Schütt: Also, Deutschland hat den Flüchtlingsstrom von 2015, meine ich, gut bewältigt. Es gibt eine große Aufnahme- und Hilfsbereitschaft von großen Teilen der Bevölkerung. Das ist ohne Frage. Und die anti-Ausländer- und anti-Einwanderer-Emotionen, die sind besonders in den Gebieten, in denen es am wenigsten Ausländer gibt. In den ehemaligen DDR-Gebieten.  In Bayern, da gibt es doch gar keine Probleme. Es ist eine künstlich geschaffene Hysterie, die meiner Ansicht nach in der breiten Bevölkerung keine Unterstützung findet. Es gibt sicherlich Probleme. Die Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind, sind nicht alle Engel. Da gibt es auch Kriminelle darunter. Da gibt es Mörder. Sie sind Menschen. Sie sind Menschen wie wir alle. Und einige Skandalfälle, einige Verbrechen werden maßlos aufgebauscht. Das erinnert mich an den Antisemitismus der 20-er Jahre. Diese Menschen, die solche Hysterie scheuern, spielen meiner Ansicht nach mit dem Feuer.

 

ParsToday: Gegner dieser Politik vertreten die Auffassung, dass alles auf Kosten des Sozialstaates geht. Teilen Sie die Ansicht?

Schütt: Nein, das ist der totale Unfug. Also ich meine, Deutschland ist ein reiches Land. Daran haben die Gastarbeiter, die Einwanderer einen ganz wesentlichen Anteil. Und selbst von den Flüchtlingen, die 2015 gekommen sind, sind schon mehr als 40 Prozent der männlichen Flüchtlinge in Arbeit und Lohn. Das heißt, sie verursachen zwar auch Kosten,  aber sie tragen zu unserem Wohlstand bei, zu unserem Bruttosozialprodukt. Das ist Unfug. Deutschland ohne die Ausländer, ohne die vielen Zuwanderer wäre ein armes Land. Das wären Zustände wie in Süditalien. Deutschland verdankt seinen Einwanderern, woher sie auch immer kommen möchten, seinen Wohlstand. Seinen einzigartigen Wohlstand verdankt es ganz wesentlich den Zuwanderern. Aus der Türkei kommen viele Arbeitskräfte, aber auch Intelligenz aus vielen anderen Ländern.

 

ParsToday: Herr Dr. Schütt, aber das kann man nicht von der Hand weisen, dass  Flüchtlinge in Deutschland auch auf den Widerstand und die Ablehnung der Deutschen Öffentlichkeit stoßen, und das kann man fast jeden Tag feststellen.

Schütt: Ja,  das wird von den Medien hochgeschürt. Ja, es sind in einzigen Stäten auch zu sehen. Dahinter steht natürlich die AFD mit ihren Sympathisanten. Es wird hochgekocht. Aber ich glaube nicht, dass es eine breite Bewegung gegen die Flüchtlinge gibt. In Hamburg hat es immer wieder Bemühungen gegeben, eine „Merkel-muss-weg-Demonstration“ zu organisieren, jeden Montag. Das ist jämmerlich gescheitert. Da waren nie mehr als 100 Leute, und das in einer Millionenstadt. Gut in den Großstädten ist es vielleicht etwas einfacher, aber ich glaube nicht, dass es eine breite Mehrheit in der Bevölkerung gegen die Flüchtlinge gibt. Das ist Stimmungsmache.

 

ParsToday: Herr Dr. Schütt, wir haben auch beobachtet, dass auch von diesen Flüchtlingen Anschläge in Deutschland, in Frankreich und in einigen anderen europäischen Ländern verübt worden sind. Also was ist dann hier falsch gelaufen?

Schütt: Ja, terroristische Organisationen gibt es. Also, das wissen Sie. Vom Islamischen Staat(IS) bis zu Al-Qaida und was es alles gibt,  bis hin zu Taliban. Und dass die versuchen,  in Europa Unheil zu stiften und Hass zu säen, das ist wahr. Aber wenn es die Flüchtlingsströme nicht gegeben hätte, dann wären sie auf anderen Wegen  hineingekommen. Wenn eine Millionen Flüchtlinge in einem Jahr zu uns kommen, nach Europa kommen, dann kann man nicht verhindern, dass sich darin auch Verbrecher und Kriminelle verstecken. Es ist so. Das gehört sozusagen zu unserem Menschenwesen dazu, dass wir unter uns auch Übeltäter und böse Menschen haben.

 

ParsToday: Herr Dr. Schütt, war das Aufnahmeverfahren richtig? Denn auch darin wird sehr viel Kritik geübt, dass man jeden Flüchtling, der sich als Flüchtling angemeldet hat, auch aufgenommen hat.

Schütt: Ach wissen Sie, ja, hinterher kann man viel sagen. Ich war im Jahr 2015 als die Menschen mit in Sonderzügen in Hamburg ankamen ... und da waren am Hauptbahnhof provisorische Aufnahmebüros eingerichtet, die nicht betreut wurden von Fachkräften - so viele gibt es ja gar nicht - sondern von Behördenangestellten, die ihr Bestes gegeben haben. Dass da nicht alles nach Recht und Gesetz verlaufen ist, ergibt sich. Das war eine Notsituation. Das erinnerte ja teilweise an die Situation nach 1945, als viele Flüchtlinge aus dem Osten kamen. Meinet Ansicht nach war es nicht anders zu bewältigen. Dann brauchten wir einen perfekten Staat, der also alles kontrolliert. Aber das war nicht möglich. Ich denke,  die Flüchtlinge damals mussten provisorisch aufgenommen werden. Und die Behörden waren natürlich überfordert.

 

ParsToday: Herr Dr. Schütt, es gibt - das kann man auch nicht bestreiten - eine gewisse Abneigung gegenüber den Flüchtlingen in Deutschland aber auch darüber hinaus. Wie kann man dies abbauen. Welche Möglichkeiten und welche Wege gibt es oder schlagen Sie vor?

 

Schütt: Also, ich meine ja, es muss mehr getan werden. Es muss mehr getan werden im Bildungswesen. Es muss eine bessere Betreuung geben. Es muss vor allen Dingen - das finde ich ganz wichtig, das sieht man in Hamburg - ... das ist nicht ratsam, dass man die Flüchtlinge in Elendsviertel, in Gettos bringt und sie isoliert von der übrigen Bevölkerung. Die müssen über die ganze Stadt verteilt werden, damit sie besser integriert werden. Sie müssen zu normalen Schulen gehen und sie müssen also teilnehmen am sozialen Leben. Wichtig finde ich - das kann auch in anderen Ländern nennen, auch in Amerika - sie dürfen nicht in Gettos abgesperrt werden, nicht in Kasernen untergebracht werden, wo sie sozusagen nur unter sich sind. Es ist wichtig, dass sie integriert werden,  in unsere ganze Gesellschaftsordnung, damit jeder Mensch die Kontakte hat zu den Flüchtlingen. Bei uns gibt es in der Nachbarschaft eine Flüchtlingssiedlung mit 200-300 syrischen Flüchtlingen. Sie sitzen bei uns im Bus. Wir begegnen ihnen täglich. Und dann gibt es keine Probleme. Also wenn ich das mal sagen darf, die Flüchtlinge sind in der Regel zunächst einmal ganz normale Menschen und sie sind höfliche Menschen. Sie fallen nicht negativ auf, ganz im Gegenteil. Sie fallen durch Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit auf. Entschuldigen Sie, dass ich das jetzt so etwas verkürze, aber das ist meine Wahrnehmung. Das ist natürlich auch meine Weltanschauung, mein Menschenbild.

 

ParsToday: Vielen Dank Herr Dr. Schütt für dieses Gespräch?

Schütt: Gut ich wünsche Ihnen alles Gute. Ja Danke.

 

 

Jun 19, 2018 15:28 Europe/Berlin
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