"Wir tanzen alle auf einem Vulkan und dieser Vulkan kann jederzeit explodieren."

Interview auf Youtube: https://youtu.be/OZexxua5Ks4

 

ParsToday: Herr Wimmer, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zu diesem Interview.

Wimmer: Ja. guten Tag Herr Shahrokny, guten Tag nach Teheran.

 

ParsToday: Ja, vielen Dank. Herr Wimmer, die Amerikaner verstärken den Druck auf Iran. Am Dienstag berichteten die internationalen Medien, dass die US-Regierung alle Länder ultimativ aufgefordert hat,  ab dem 04. November kein iranisches Öl mehr zu kaufen. Was bedeutet das für Sie?

Wimmer: Wir haben es im Nahen Osten mit einer Kriegsführung der Vereinigten Staaten mit ihren Partnern  um die Erweiterung des regionalen Einflusses und die Beseitigung möglicher Konkurrenten zu tun. Das haben wir ja leidvoll gesehen im Irak. Das haben wir genauso leidvoll gesehen in Syrien. Der Irak und Syrien sind ja wirklich in die Steinzeit zurückgebombt worden und zwar - um es ganz deutlich zu sagen - aus amerikanischem global-strategischem Interesse. Und es ist ja kein Geheimnis, dass die Vereinigten Staaten und auch andere in dieser Kriegsführung den Iran als Gegner sehen. Und diese Kriegsführung wird jetzt auf allen möglichen Ebenen inklusive der diplomatischen und der ökonomischen Gegebenheiten fortgesetzt. Das ist das Eine. Das Zweite ist, wenn wir uns mit der jüngeren Geschichte der Vereinigten Staaten auseinandersetzen, dann wissen wir ja, dass ein wesentlicher Grund für das kaiserliche Japan in den 2. Weltkrieg einzusteigen, die erkennbare ökonomische Strangulation der Vereinigten Staaten auf dem Erdölfeld gegenüber Japan gewesen ist. Man hat Japan so von seinen lebensnotwendigen Lieferungen abgeschnitten, dass Japan nichts Anderes übrigblieb, als um seine Existenz zu kämpfen. Das sind Überlegungen, wie sie auch andere in der damaligen Zeit artikuliert haben. Und wenn das jetzt heute wieder praktiziert wird,  gegenüber einem Land, dann erinnern wir uns an die Konsequenzen, und die sind nicht positiv.

 

ParsToday: Herr Wimmer, aber damals, noch vor dem 2. Weltkrieg konnte man Unterstützer und Verbündete für eine Kriegsführung finden. Wie sieht das heute aus?

Wimmer: Die Region ist ja leider davon bestimmt, dass die Auseinandersetzungen schon seit langem toben. Wir müssen uns ja nur die handelnden Akteure in dieser Region von den Golfstaaten über Saudi-Arabien bis Israel und die  Türkei ansehen. Die Russische Föderation ist engagiert, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien. Also es gibt schon viel zu viele, die kein Interesse an Stabilität und Ausgleich in dieser Region haben, sondern ihre unterschiedlichen Konzepte durchsetzen. Das geht ja auch bis weit in die Sphäre des sogenannten internationalen Terrorismus, denn wir wissen ja von den Taliban bis zu dem IS, wer die Finanzier  dieser Terrororganisationen gewesen sind  und heute noch sind. Also vor diesem Hintergrund ist es kein Mangel an Staaten, die alles andere haben als eine Friedensabsicht.

 

ParsToday: Herr Wimmer, werden die Länder dieser amerikanischen Aufforderung Folge leisten? Sehen sie darin eine  Möglichkeit, dass sie auch mitmachen?

Wimmer: Also,  ich sehe derzeit, das Spiel auf möglichst allen Klavieren, die zur Diplomatie und zur Bedrohung herangezogen werden. Man spricht ja davon, dass es durchaus im Hintergrund Verhandlungen zwischen Staaten gibt, an die man öffentlich so nicht denken würde. Das ist das Eine. Das Zweite ist, es wird ja offensichtlich versucht einen Staat - und in dem Fall ist es der Iran -  mürbe zu machen, um sich für amerikanische oder israelische oder saudische Vorstellungen  zu öffnen. Auf der anderen Seite besteht der Iran auf seinen Interessen und auf seinem Recht,  seine eigenen inneren Verhältnisse eigenständig zu regeln. Also,  wir haben es mit einer Situation zu tun, die ich heute Morgen einem guten Bekannten gegenüber noch damit umschrieben habe, dass ich gesagt habe: "Wir tanzen alle auf einem Vulkan und dieser Vulkan kann jederzeit explodieren." Und dann ist es nicht mehr weit bis zu der Frage, welche Staaten sich unter Umständen – nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie gezwungen werden - an diesen amerikanischen Boykott-Überlegungen beteiligen.

 

ParsToday: Herr Wimmer, noch während des Wahlkampfes hatte der amerikanische Präsident immer wieder gesagt, dass die USA militärisch nirgendswo aktiv sein sollten. Wenn er also gewählt werden würde, würde er dieses Engagement jedenfalls reduzieren. Aber das, was wir momentan beobachten können, ist genau das Gegenteil. Wie interpretieren Sie das?

Wimmer: Ja,  es ist natürlich schwer eine Linie bei der Politik des amerikanischen Präsidenten festzustellen, aber es sind inneramerikanische Umstände, die das auch schwermachen. Man sollte ihm vielleicht zugutehalten - also ich tue das jedenfalls - dass er nicht in der Tradition amerikanischer Präsidenten der letzten Jahrzehnte sofort in einen Krieg eingestiegen ist, nachdem er in sein Amt gewählt worden ist. Also,  das lässt jedenfalls hoffen, dass die Erklärungen, die er während seines Wahlkampfes abgegeben hat,  eine Grundlage haben oder seiner Interessenlage entsprechen. Das ist Punkt Nummer eins. Punkt Nummer zwei: wenn wir uns den armen Kerl, den amerikanischen Präsidenten Trump, in Washington ansehen, dann ist er ja von der parteiübergreifenden und aus Demokraten und Republikanern bestehenden Kriegsfraktion, die die Welt seit Jahrzehnten ins Elend stürzt, praktisch eingemauert, und zwar nur aus dem Umstand heraus, dass er immer wieder zu erkennen gegeben hat,  sich in den schwierigsten Fragen z.B. auch mit dem russischen Präsidenten Putin verständigen zu können. Also,  wir haben den bemerkenswerten Umstand, dass jemand,  der sagt,  ich kann mich friedlich verständigen, in den vereinigten Staaten ja praktisch um sein politisches Überleben kämpfen muss. Das ist Punkt Nummer zwei. Punkt Nummer drei: Diese Unsicherheiten auf der amerikanischen Seite haben dazu beigetragen, dass die verschiedenen Machtzentren, die es in den Vereinigten Staaten gibt, ihre eigene Politik betreiben. Das gilt auch für die Riege der amerikanischen Militärbefehlshaber, die wir ja auf dem ganzen Globus für die gesamte bewohnte Erde haben. Das heißt,  was die machen und was die betreiben,  muss bei der politischen Wirklichkeit in den Vereinigten Staaten noch nicht mal der Interessenlage ihres eigenen Präsidenten entsprechen. Das ist die Wirklichkeit,  mit der wir es in den Vereinigten Staaten zu tun haben. Und das ist etwas, was zu diesem Vulkancharakter auf dem wir tanzen,  beiträgt.

 

ParsToday: Herr Wimmer, wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann heißt das, dass ein amerikanischer Präsident nie so viel Macht hat,  wie ihm  gesetzlich zugeschrieben wird?

Wimmer: Ja,  das sehen wir ja auch an den Entscheidungen vor amerikanischen obersten Bundesgerichten und auch vor dem obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Der amerikanische Präsident - und das sehen wir ja an jedem Tag seitdem er sich in seinem Amt befindet -  muss in diesem Spannungsfeld zwischen exekutiven Möglichkeiten, die er hat und einem widerspenstigen Kongress, der parteiübergreifend in weiten Teilen gegen ihn steht,  um seine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten kämpfen. Und das macht die Möglichkeiten oder die nicht vorhandenen Chancen dieses amerikanischen Präsidenten aus. Auf der anderen Seite ist er ja von einer so ungestümen Art und Weise, dass er das amerikanische politische System, das ja von vielen Amerikanern inzwischen abgelehnt wird, dass er das so durcheinanderwirbelt, dass er mit seinen eigenen Vorstellungen immer wieder auch Erfolg hat.

 

ParsToday: Herr Wimmer, wo sind die Europäer in dieser Weltlage positioniert?

Wimmer: Das ist eine spannende Frage, Herr Shahrokny,  und ich will Sie mal auf den Punkt zuschneiden, dass ja für Mitte Juli ein Treffen des amerikanischen Präsidenten Trump und des russischen Präsidenten Putin in Wien(in Helsinki)  nicht ausgeschlossen ist, jedenfalls in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Gesetzt den Fall,  es kommt zu diesem Treffen, dann müssen wir uns doch fragen, wer auf dieser Welt ist Handlungsfähig? Und da fällt ja die Europäische Union aus, denn die Spaltung Europas, die Frau Merkel betrieben hat,  mit ihrer Entscheidung im September 2015 die deutschen und im Ergebnis die europäischen Grenzen schutzlos zu stellen, das hat Europa auseinandergetrieben und im politischen Sinn auch flachgelegt.

 

ParsToday: Herr Wimmer, wie geht es nun weiter? Die Welt ist, wie Sie gerade beschrieben haben, verrückt. Aber das kann nicht so weitergehen. Was glauben Sie?

Wimmer: Also,  um nochmal mit der Erdölproblematik zu beginnen, wenn der amerikanische Präsident Trump die Staaten dieser Welt auffordert,  kein iranisches Öl mehr zu kaufen, dann ist das ja nicht nur eine politische Aussage, sondern es ist eine ökonomische Aussage, die deutlich macht,  in welcher Situation sich die Vereinigten Staaten eigentlich befinden. Wir erleben ja auch amerikanische Bemühungen, die sogenannte Nord-Stream 2 Pipeline aus der Russischen Föderation nach Europa zu verhindern. Den Vereinigten Staaten geht es um Absatzmöglichkeiten für ihr eigenes Erdöl und eigenes Erdgas. Und sie treten um sich, um nur ja nicht andere Länder in die Liefermöglichkeiten für freie Staaten zu bringen. Das ist die Situation mit der wir es zu tun haben. Trotzdem, wir leben in einer Zeit eines gewaltigen Umbruchs und wir wissen nicht,  in welche Richtung das geht. Und da kommt es in erster Linie aus meiner Sicht darauf an, dass die verschiedenen Staaten in ihren jeweiligen Staatsführungen handlungsfähig bleiben und sich nicht so in einer Situation des Durcheinanders  befinden, wie das derzeit für die Europäische Union und insbesondere für die Bundesrepublik Deutschland gilt.

 

ParsToday: Was meinen Sie Herr Wimmer, wenn Sie sagen, dass die Länder handlungsfähig bleiben sollte?

Wimmer: Dass die Staatsführungen, die nun einmal gewählt sind und über demokratische Wahlen ins Amt gekommen sind, dass die nicht durch einen innenpolitischen Zwist derzeit still und lahmgelegt sind, dass die nicht handeln können. Man macht sich ein gutes Urteil auf der Welt darüber,  wer handlungsfähig ist. Und bei all der Unsicherheit, die aus den Vereinigten Staaten kommt, muss man ja sehen, dass der amerikanische Präsident jedenfalls für sich persönlich und auch für Teile des amerikanischen Regierungsapparates, bei aller Unsicherheit über die wir eben gesprochen haben,  agiert. Das kann man für die Europäische Union überhaupt nicht sagen.

 

ParsToday: Herr Wimmer, erlauben Sie mir nur noch eine letzte Frage. Sie sagten eingangs, dass die USA dabei sind,  Konkurrenten auszuschalten. Damit spielten Sie auf den Konflikt mit dem Iran an. Gehen Sie davon aus, dass  ein Krieg gegen Iran vom Zaun gebrochen wird?

Wimmer: Die Vereinigten Staaten führen in dieser Region verdeckt oder offen seit Jahrzehnten Krieg. Und wir wissen doch alle, dass die Vereinigten Staaten über die unterschiedlichen Kräfte, die in diesem Land wirken,  eigene Landkarten vom Nahen und Mittleren Osten angefertigt haben. Und kann hier daraus machen, dass sie für diese eigenen Landkarten kämpfen. Und sie haben dabei Verbündete an ihrer Seite in dem ganzen Bogen zwischen Israel und Saudi-Arabien, die auch diese Interessenlagen haben und mit Nichten sich mit ihren derzeitigen Grenzen zufriedengeben. Das machen ja die ganzen Annexionen, die durchgeführt worden sind,  deutlich. Also vor diesem Hintergrund geht es der Welt im Augenblick bestimmt darum,  eine Ausdehnung der kriegerischen Aktivitäten der Vereinigten Staaten, die ohnehin vorhanden sind, zu verhindern. Und damit meint die Welt den Iran.

 

ParsToday: Vielen Dank Herr Wimmer für diese Einschätzungen.

Wimmer: Vielen Dank Herr Shahrokny und alles Gute nach Teheran.

 

 

Jun 27, 2018 17:00 Europe/Berlin
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