Aug 18, 2019 08:58 Europe/Berlin
  • Iran: 19.  Festival für zeremonielles und traditionelles Theater    

Das Festival für zeremonielles und traditionelles Theater  ist eine Gelegenheit zur   Wahrung, Übertragung und Weiterentwicklung iranischen Kulturerbes.

 

 

 

 

Einen wichtigen Bestandteil der Identität von Völkern bildet ihr kulturelles Erbe, vom materiellen bis zum immateriellen.  Zu dem immateriellen oder geistigen Kulturerbe gehören Sitten, Traditionen, Überzeugungen und Zeremonielle, Folklore und der Lebensstil, Fertigkeiten und die dramaturgischen Künste sowie die mündlich Überlieferung von  Märchen, Erzählungen  und Mythen.  Das geistige Kulturerbe nimmt als Tradition einen besonderen Platz unter der Bevölkerung ein.  Die Überzeugungen, die ihm zugrunde liegen, kommen in Zeremonien und Folklore zum Ausdruck.

 

Es hat einige Zeit gedauert, bis man auf der Welt  den Wert des geistigen Kulturerbes wirklich erkannte, während man dem gegenständlichen Kulturerbe schon  viel früher Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Man bedenke jedoch, dass die Quelle des gegenständlichen Kulturerbes, wie Kunst- und Bauwerke,  in Wahrheit im geistigen Kulturerbe besteht. Jedes materielle Kulturerbe entspringt ja im Grunde dem Denken und spirituellen Kulturerbe eines Volkes.

                  

Poster zum 19. Festival für zeremonielles und traditionelles Theater

 

 

Iran kann auf eine Geschichte von mehreren Tausend Jahren zurückblicken und seine alte Zivilisation ist auch noch heute zu verspüren. Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Ethnien mit unterschiedlichen Kulturen zusammen. Die verschiedenen Volksgruppen im Iran leben jedoch  seit Jahrhunderten friedlich zusammen, bilden eine geschlossene Nation und pflegen ihre einheimische Kultur.

Das geistige Kulturerbe Irans enthält  wichtige Zeremonien, welche ethnologisch von Bedeutung sind, will man die Kultur und Geschichte des iranischen Volkes verstehen.  Das Theater ist dabei eine Sprache, in der diese Zeremonien und Traditionen der jungen Generation vorgestellt und an die kommenden Generationen weitergegeben werden können.

Im Grunde ist das Theater aus alten  Zeremonien hervorgegangen. Vor langer Zeit waren es die Zeremonielle, in denen die Überzeugungen, Sitten, die Geschichte und Riten zum Ausdruck kamen. Im antiken Iran gab es bereits  Zeremonien, bei denen  Einheit und Menschenliebe hervorgehoben wurden. Das Theater, das sich aus diesen alten Zeremonien entwickelte  zeigt auch heute   die Verknüpfung des Lebens und der Welt der Iraner mit  den  aus ihren Überzeugungen hervorgegangenen Sitten und Zeremonien. Heutiges iranisches Theater ist daher ein Kunst – und Kulturereignis, welches eine Verbindung von dem Menschen von gestern mit dem Menschen von heute herstellt.

                          

Am 10. August 2019 begann das 19. Festival für zeremonielles und traditionelles Theater.  Während in Teheran das Festival zwei Tage später startete, fand die Eröffnungsfeier in Kaschan  statt. Abgesehen von dem internationalen Seminar zum Thema, gab es in dieser Stadt in der Provinz Isfahan mehrere Aufführungen, wie das Passionsspiel  Schabih Chani, Bühnen- und Straßentheater  und Puppentheater Chaimeh schab basi. 

                      

 

 

Davud Fathali Beygi, der Schriftführer des Festivals für  zeremonielles und traditionelles Theater sagt,  dass dieses Jahr in verschiedenen Festivalsparten insgesamt 150 Werke vorgeführt wurden und alle Altersgruppen unter den Festivalbesuchern vertreten waren – von den 4 bis 5-Jährigen bis zu den 70-Jährigen.  Mehr als zwei Drittel aller Provinzen des Landes nahmen an diesem besonderen Theater-Festival teil.

Das Seminar des Festivals für zeremonielles und traditionelles Theater  wurde in Qamsar, einer kleinen Stadt in der Nähe von Kaschan abgehalten. Alterfahrene Meister der dramaturgischen Künste legten dort ihre Referate vor und beleuchteten die Inhalte der zeremoniellen und traditionellen Theaterkunst, während jüngere Künstler sich in ihren Vorträgen mit den Details der iranischen Theaterkunst allgemein befassten.  Schriftführer dieses Seminars war Hamid Resa Ardalan und Schwerpunkte des Seminars waren die Grundlagen und Regeln des iranischen Theaterspiels, Wechselbeziehung zwischen dem Passionsspiel Schabih-Chani und den anderen Künsten sowie die Stellung des Mythos, der Mystik und Philosophie im traditionellen Theater.  Während des 2tägigen Seminars wurden  13 Referate vorgelegt. 7 Poster kamen in die engere Wahl.

Zu den Titeln der einzelnen Vorträge gehörten:

„Die Bedeutung des  „Nichts“ und des Brauchtums im  modernen Zeitalter“, „die Strategie für das traditionelle Schauspiel im  Rahmen des zeitgenössischen iranischen Theaters“,  „Musik für lustiges Theater“, „die intelligente Stadt und die Änderung der Riten in den gesellschaftlichen Beziehungen“, sowie „Rolle und Stellung der Erzählerinnen   für die Übertragung und Wiedergabe der Folklore“. Es wurden auch ausländische Referate vorgelegt, so der Vortrag von Antonio Salerno aus Italien über die Formen und Wandlungen des alten Theaters,  das Referat seiner Landsmännin Jolanda Capriglione über die Bedeutung von Theater und Geschichte und  der Vortrag  von Abu Talib Mozzafari aus Afghanistan. Bei letztgenanntem  Vortrag ging es um die dramaturgische Darstellung eines alten Märchens des Volkes der Hazaras, welches aus der gebirgigen afghanischen Region  von Hazaradschat stammt. Die Hazaras bilden  die zweitgrößte persischsprachige Gruppe in Afghanistan.

Am zweiten Tag des Seminars wurde auch Ostad  Dschalal Satari, iranischer Schriftsteller und   Fachmann für Mythologie gewürdigt.

                  

Ostad  Dschalal Satari, iranischer Schriftsteller und Mythologe 

 

An dem  19. Festival für zeremonielles und traditionelles Theater in Kaschan  nahmen 400 Künstler aus ganz Iran teil. 37 Theatergruppen führten ihre Stücke an verschiedenen historischen Orten dieser Stadt aus wie das Naqali-Haus und das Ihsan-Haus, der Wali-Sultan Platz und die  Timtscheh Aminodoleh. Gleichzeitig war der Pavillon des Kamal-ul Molk –Platzes der Stadt Treffpunkt für Kinder und Eltern. Dort  wurde  aus dem Buch der Könige (Schahnameh)  von Firdausi vorgetragen. Zu dem Festivalprogramm gehörten noch weitere Veranstaltungen wie eine Ausstellung über die bisherigen 18 Festivalrunden sowie  Theater-Lehrwerkstätten.

Eine wichtige Sparte dieses Festivals ist die Theatertradition in den Kaffeestuben gewesen.  Dieser Teil des Festivals fand allerdings in Teheran statt, und zwar im 12. Stadtbezirk in der Umgebung des alten Großbazars im Südteil der Hauptstadt.

Doch zurück nach Kaschan! Nach der Eröffnungsfeier zum Festival in Kaschan, die in dem traditionellen großen Bauwerk „Haus der Tabatabais“ in Kaschan standfand,  gab es an einem anderen Ort bei Kaschan eine interessante Vorstellung mit Riesen-Theaterpuppen, die an  berühmte iranische Größen der Geschichte erinnerten.  So wie vormals vor Jahren, auf der Persepolis - einem der ältesten historischen Plätze der Welt nahe bei Schiras - iranische Theateraufführungen stattfanden, wurde auch dieses Marionettentheater an einem historischen Platz gespielt und zwar an einem der ältesten Siedlungsorte in der iranischen Geschichte. Veranstaltungsort waren nämlich die historischen Hügel von Sialk.  Mit Sialk wird eine über 7 Tausend Jahre alte Ausgrabungsstätte bei Kaschan bezeichnet. Die Reste des ehemaligen Zikkurates liegen in der Nähe des Kaschaner Stadtteils Fin mit seinem historischen Fin-Garten.  In Sialk sind die ersten menschlichen Ansiedlungen auf der Ebene von Kaschan entstanden.

Theaterstück mit Riesen-Marionetten auf den historischen Sialk-Hügeln 

 

Das Puppenspiel auf der historischen Anlage von Sialk in Kaschan   wurde in Zusammenarbeit  mit der französischen  Companie Grand Personnel vorbereitet. Thema der Vorstellung war die „Umwelt“.   Das Schauspiel war ein beeindruckendes Erlebnis für die  Kaschaner.

                 

 

 

Eine besonders sehenswerte Aufführung auf dem 19. Festival für zeremonielles und traditionelles Theater war aber auch die Aufführung „Erzählung einer Frau“. Frau Hura Tila aus Abadan schilderte bei ihrem Bühnenauftritt  die  mutigen Taten der Frauen während der 8-jährigen Heiligen Verteidigung gegenüber der Invasion der Armee des irakischen Diktators Saddam.

Hura Tila , die als Naqal-e san  – Erzählerin – arbeitet, sagt über diese Vorführung namens „Naql Farangis“ („was Farangis erzählt“):  „Dieses Erzählstück fußt auf den Erlebnissen einer realen Person in der Zeit der Heiligen Verteidigung. Farangis Heydarpur war zur Zeit des Krieges 18 Jahre alt und lebte in einem Dorf in Kermanschah (Nordwest-Iran).  Gleich zu Beginn des Krieges, als die Baathis – die Anhänger Saddams – in den Iran eingedrungen waren,  musste sie zusammen mit ihren Verwandten  ihr Dorf verlassen und sich in der Umgebung verbergen.  Nach einiger Zeit kehrte sie  zusammen mit ihrem Vater ins Dorf zurück um Proviant zu holen aber auf dem Rückweg begegnete sie zwei Soldaten des Saddam-Regimes.   Es gelingt ihr sich mit einem Beil gegen die Aggressoren zu wehren,  einen von ihnen zu töten und den anderen gefangen zu nehmen.

"Farangis erzählt" - wiedergegeben von der Künstlerin  Hora Tila

      

 

Frau Hora Tila ist der Überzeugung,  dass   sich diese Geschichte am besten durch ein Erzählstück (Naqali) wiedergeben lässt, weil es sich um eine Heldengeschichte handelt.  Dazu kommt, dass Frau Tila  schon seit einigen Jahren im südiranischen Abadan als Naqal-e san -  als Erzählerin - tätig ist. Sie ist nach fast 50 Jahren die erste Frau, die die alte Erzählkunst wiederbelebt und sagt,  die Reaktion der Zuhörer sei positiv, weil diese Art von Vorführung für sie neu ist.

 

Und damit, liebe Hörerfreunde,  endet unser Bericht über das  19. Festival für zeremonielles und traditionelles Theater, welches   bis zum 17. August dauerte. Wir hoffen er hat Ihr Interesse gefunden.

 

 

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