Wie wir bereits sagten, geht es in vielen Fabeln um kluge Planung und List, während die Anwendung einer List nicht getadelt wird sondern als Nutzung des Verstandes gilt. Jeder muss genug Weitsicht besitzen, damit er zum rechten Zeitpunkt das Richtige tut.

Mit Hilfe von Weitsicht und Klugheit kann jemand die negativen oder poistiven Folgen einer Handlung ermessen und dann mit entsprechender Vorsicht vorgehen. Ein wichtiger Aspekt von Fabeln ist der, dass eine List und Weitsicht für die Bekämpfung eines Feindes oder für die Rettung vor einer Gefahr eingesetzt werden. Ihre Bedeutung kommt daher vor allen Dingen bei Feindschaften zur Geltung.

Manchmal liegt keine natürliche Feindschaft zwischen den Fabelfiguren vor. Dies ist z.B. in der  Geschichte von den Raben und Eulen in Kalila wa Dimna der Fall. Rabe und Eule sind in der Natur keine Feinde, aber in dieser Fabel kommt es wegen einiger Ereignisse zu Missgunst und Feindschaft zwischen ihnen.

Manchmal geht ein listiger Plan auf das Misstrauen gegenüber anderen zurück und manchmal dient es einer Lösung und zur Rettung aus den Händen eines Feindes.  Es ist ein Zeichen für kluge Voraussicht, standhaft zu bleiben und die Angst vor einer Gefahr zu überwinden.

 

In den Fabeln wird dem Leser oder Zuhörer eingeprägt, dass man als erstes verhindern sollte, dass eine Feindschaft entsteht. Weitsichtig ist jemand, der im Leben dieses Prinzip anwendet.  Außerdem sollte man eine Konfrontation mit dem Feind, insbesondere wenn er stark und überlegen ist, vermeiden. Und am wichtigsten bei der ganzen Sache ist, dass man nicht mit unehrenhaften Leute verkehren sollte. In Wahrheit  gilt es als weise Voraussicht,  ihnen und Fremden nicht zu vertrauen.

 

Hören sie die Fabel von den Raben und den Eulen aus Kalila wa Dimna. Im Kern geht es auch in dieser Geschichte um weise Voraussicht.

Es heißt, dass mitten im Gebirge auf einem mächtigen Baum die Raben ihr Nest hatten. Wenn du von weitem hinschautest, hättest du gedacht, dass die Blätter des Baumes schwarz sind, denn die große Zahl der Raben verdeckten das Grün des Blätterkleides. Aber ein wenig tiefer gelegen gab es eine dunkle Höhle in der die Eulen hausten. Sie verbrachten den Tag in der Höhle und abends gingen sie auf die Jagd.

Die Raben fürchteten sich vor den Eulen und rechneten damit,  dass sie eines Nachts von diesen angegriffen werden. Und das passierte tätsächlich.

In jener Nacht war der Himmel völlig klar und man konnte die Gebirge auf dem Mond erkennen.

Die Raben schliefen gerade, während ihr junger Wächter verträumt auf einem Ast saß und dem Gezirpe der Grillen lauschten. Während er so zum Himmel hoch blickte, sah er ein dunkle Wolke herannahen. Da wunderte er sich, wie das in dieser klaren Mondnacht möglich sein konnte. Er sah die Wolke herannahen und plötzlich packte ihn die Angst, denn es war keine Wolke sondern es waren die Eulen,  die da auf ihn und die anderen Raben zukamen.

 

Der junge Rabe rief die anderen mit zitternder Stimme: Die Eulen! Die Eulen!“

Alle Raben schreckten aus dem Schlaf auf. Viele von ihnen fielen schon beim ersten Schreck vom Baum herunter , die Rabenküken krächzten hilflos und riefen nach ihren Müttern. Einige Raben aber hatten sich schnell gefasst und traten zum Gefecht gegen die Eulen an.

Letztendlich zogen die Eulen, nachdem sie zahlreiche Raben verletzt oder getötet hatten, wieder ab.

Es war hell geworden und der Chef der Raben, der sehr erfahren und schon betagt war, rief fünf Berater herbei. Er sagte: „Seht! Die kaltherzigen Eulen haben uns schließlich wirklich angegriffen und vielen von uns Kummer bereitet.  Seht, es gibt kein Nest, dass keinen Toten oder Verletzten zu beklagen hätte. Diese Niederlage ist für uns alle schmerzlich.

Aber was mich noch mehr berunruhig ist die Sorge, dass diese Eulen nach dem gestrigen Angriff noch dreister geworden sind und erneut angreifen. Sie werden uns nicht in Ruhe lassen, bis wir diesen Ort verlassen. Lasst uns beraten, was wir tun sollen!“

Einer der Berater, dessen Flügel bei dem Überfall verwundet worden war, sagte: „Mein Großvater hat immer gesagt, dass es unvernünftig ist gegenüber einem starken Feind Widerstand zu leisten. Wir müssen fliehen. Denn viele von uns sind getötet oder verletzt worden. Außer der Flucht gibt es keinen anderen Ausweg . Wir müssen uns einen Ort suchen, wo die Eulen uns nicht erreichen.“

Einer anderer Berater rief dazwischen: „Aber nein doch!Wir müssen kämpfen! Wenn  der greise Rabe es mir erlaubt, werde ich ein Heer aufstellen. Wir werden es den Eulen tüchtig heimzahlen.“

Einige junge Raben stimmten ihm mit einem lauten Krächzen zu. Es waren Soldaten.

Aber der greise Rabe schwieg und wartet noch auf weitere Vorschläge.

Der dritte Berater sagte: „Wir müssen einen Spion unter die Eulen schicken, damit wir herausfinden, was sie vorhaben. Wenn sie den Frieden wollen, können wir sie mit Geschenken beschwichtigen. Aber wenn sie uns wieder angreifen wollen, dann werden wir uns für die Verteidigung rüsten.“

Danach blickte der greise Rabe den vierten Berater an, dieser sagte: „Ich bin mit keinem der Vorschläge einverstanden, aber es fällt mir auch keine andere Lösung ein. Ich muss nachdenken!“

Da hörten sie den fünften Berater, einen jungenr kräftigen Raben, sagen: „Ich habe eine Idee!“

Der alte Rabe forderte ihn auf, seinen Vorschlag zu unterbreiten.

Aber der junge Rabe bat darum, ihm unter vier Augen zu sagen, was er vorhat.

Der alte und der junge Rabe zogen sich also auf einen Ast zurück. Als sie alleine waren, sagte der junge Rabe:

„Bevor ich euch meinen Plan darlege, sagt mir bitte, weshalb die Eulen eigentlich seit eh und jeh mit den  Raben verfeindet sind.“

Da sagte der alte Rabe:  „Die Ursache liegt sehr weit zurück. Einmal wollten die Vögel auf der Welt eine Eule zu ihrem König krönen. Unter ihnen war auch ein Rabe. Als er davon erfuhr, sagte er: „Wieso wollt ihr den hässlichsten Vogel unter euch zum König wählen, während es so viele schöne Vögel gibt? Ein hässlicher und hartherziger Vogel ist es nicht würdig unser König zu sein. Er wird uns Unglück bescheren.“

Da sahen die Vögel ein, dass sie einen Fehler gemacht hatten und daher wurde die Eule doch nicht zum König gekrönt. Sie war sehr verärgert und rief: „Wehe dir, du Rabe! Mein Hass wird weiterleben, auch wenn ich sterbe. Solange es die Welt gibt werden Eulen und Raben Feinde sein.“

Dann schwieg der greise Rabe einen Augenblick lang und sagte  dann: „Seitdem wurde die Feindschaft der Eulen gegen die Raben von Generation zu Generation weitergegeben.

Aber nun sag mir, was du vorhast!“

Der junge Rabe sagte: „Nachdem wir zu den anderen zurückgekehrt sind, sollt ihr befehlen, dass sie mich dermaßen verprügeln, dass ich das Bewusstsein verliere. Dann lasst mich liegen, verlasst diesen Ort und sucht euch eine neue Bleibe in der Nähe.“

Der greise Rabe:

„Warum sollten wir das tun?  Ich kann dich doch nicht verprügeln lassen!“

Der junge Berater aber sagte: „Bitte hört auf mich, wenn ihr wollt, dass wir über die Eulen siegen.“

Da sagte der greise Rabe: „Nun, wo du darauf bestehst, frage ich nicht mehr. Aber ich hoffe, du weißt was du tust!

Die beiden kehrten zu der Rabenschar zurück. Der alte Rabe setzte eine zornige Miene auf und schrie den jungen Raben an: „Das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Wie wagst du es, so etwas zu sagen. Dann befahl er den Wächtern, den jungen Raben zu verprügeln.“

Schließlich ließen sie den Raben, der bewusstlos geworden waren unten am Fuss des Baumes liegen und der alte Rabe gab Anweisung, den Ort zu verlassen.

Eine Stunde später hatten alle Raben ihr Nest geleert und waren an einen anderen Ort gezogen.

Die Fortsetzung dieser Fabel aus Kalile wa Dimna können sie im nächsten Beitrag hören.

 

Jun 16, 2017 12:22 CET
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