Wir sprechen zurzeit über den Inhalt von Fabeln. Die Weitsicht und Anwendung einer List ist ein wichtiges Thema in solchen volkstümlichen Erzählungen. Aber ein anderer wichtiger Punkt, der in Fabeln eine Rolle spielt, ist die Warnung davor, dem Feind zu vertrauen.

Wir sagten ja, dass Feindschaft eines der grundlegenden Themen in Fabeln ist.  Jede Fabelfigur hat mindestens einen Feind und muss, um sich vor seinem Übel zu retten , etwas gegen ihn unternehmen. Es geht darum, sich vor dem Feind zu schützen oder ihn zu vernichten.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, ihm aus dem Weg zu gehen.Diese Alternative ist besonders dann erfolgreich, wenn es sich um eine vorübergehende Feindschaft handelt.

 

Die Feindschaft zwischen den Tierfiguren in einer Fabel und einer zwischenmenschlichen Feindschaft unterscheidet sich in   ihrer Art. In der Tierwelt ist die Feindschaft meist unausweichlich und naturbedingt. Aber im Reich der Menschen geht sie auf Bestrebungen nach Vorteilen und Gewinn zurück und wäre vermeidbar. Die Konflikte unter den Menschen  entwickeln sich meist aus dem Wettkampf um materielle, weltliche Vorteile.

In den meisten Fabeln gilt ein Fremder schon deshalb als Feind, weil er ein anderer Artgenosse ist oder für eine Freundschaft nicht taugt.  Gemäß Forschern, die sich mit der Volksliteratur auseinandergesetzt haben, wird in vielen Fabeln, in denen das Vertrauen in den Feind als schädlich hervorgehoben wird,  der Fremde immer als jemand dargestellt wird, vor dem man sich hüten muss.  Diese Art der Feindschaft ähnelt aber mehr der Feindschaft im Tierreich. Dort wird in einem fremden Tier sofort eine  Gefahr gewittert und daher ein feindliches Element gesehen.

 

Fabeln mit einem solchen Inhalt  waren meistens an die Adresse von Königen gerichtet. Die Schilderung der Beziehung zu den Feinden und der Art und Weise des Umgangs mit ihnen sollte dem Königlichen Hof als Hinweis dienen.

Daher gilt  in diesen Fabeln der Feind als gemein und niederträchtig und es heißt, dass man ihm nicht vertrauen und sich nicht vor ihm in Sicherheit wägen darf.  Anstatt Gewalt gegen ihn anzuwenden, muss man aber klug vorgehen und Überlegungen anstellen, darf den Feind nicht in Ruhe lassen und sollte jede Gelegenheit gegen ihn nutzen. Das alles sind Ratschläge die sehr oft in solchen Erzählungen vorkommen.

 

Hören Sie nun die Fortsetzung der Geschichte von den Raben und Eulen aus Kalila wa Dimna. Sie erinnern sich: Auf einem Baum lebte eine große Schar von Raben und in einer Höhle lebten die  Eulen. Diese griffen die Raben in der Nacht an und töteten und verletzten viele von ihnen. Der Chef der Raben beriet sich und akzeptierte schließlich den Vorschlag seines jüngsten Beraters. Der hatte einen listigen Plan.  Gemäß diesem Plan sollten alle Raben ihr Nest räumen. Sie sollten den jungen Raben vorher verprügeln und unter dem Baum zurücklassen.

 

Wie erwartet kamen die Eulen in der gleichen Nacht zu einem neuen Angriff herbei. Aber weit und breit war kein Rabe mehr zu sehen, nur am Fuße des Baumes lag noch ein einer von ihnen und winkte ihnen matt mit seinen Flügeln zu, als ob er etwas sagen wollte.

Da sagte der Chef der Eulen:

„Seht nach, was mit ihm los ist.“

Zwei Eulen  kamen herbei. Sie sahen, dass der Rabe noch atmet. Da sagten sie dem Chef der Eulen Bescheid und der kam und fragte den Raben: „Was ist los? Warum bist du verletzt? Wo sind die anderen Raben?“

Der Rabe öffnete die Augen. Er konnte nur mit Mühe sprechen Unter Stöhnen berichtete er: „Als ihr gestern Nacht angegriffen habt, wollten die Raben sich an euch rächen. Da habe ich dem greisen Raben gesagt, wir kommen nicht gegen die Eulen an, viele von uns sind getötet und verletzt worden.  Der einzige Ausweg ist, dass wir uns mit ihnen versöhnen und ihnen Geschenke machen. Wenn sie unsere Geschenke annehmen und Frieden schließen, bleiben wir hier,und wenn nicht, ziehen wir an einen anderen Ort.“

Der Rabe machte eine Pause und holte tief Luft. Dann fuhr er  fort:

„Aber der greise Rabe hat sich über mich aufgeregt und hat gedacht, ich stehe mit euch in Verbindung und sei ein Spion. Da hat er befohlen, dass sie mich verprügeln. Danach ließen sie mich liegen und sind  alle fortgeflogen.“

 

Da fragte der Eulenchef: „Und weißt du, wo sie nun sind?“

Dem Raben fiel das Sprechen schwer . Ihm waren die Augen wieder zugefallen, als er sagte: „Nein! Mir ging es so schlecht, dass ich die Augen nicht öffnen konnte.“

t

Die Eule sagt zu ihrem Wezir: „Was meinst du dazu?“

Der Wesir aber sagte: „Glaubt diesem Raben nicht ein Wort! Lasst ihn einfach liegen, bis er stirbt. Ich kenne ihn. Es ist einer der kühnsten.“

Der Berater der großen Eule aber sagte: „Lasst ihn nicht sterben! Das nützt uns ja nichts.  Wir sollten ihn behandeln. Er wird bestimmt etwas für uns taugen.“

Auch eine andere Eule meinte: „Wir müssen ihn gut behandeln, bis er uns vertraut. Dann können wir mit seiner Hilfe herausfinden, wo die anderen Raben sind und sie wieder angreifen!“

Der junge  Rabe hörte ihnen halbwegs zu und betete in Gedanken, dass die Eulen ihn mitnehmen werden.

Der Wezir aber schrie vergeblich: „Fallt nicht auf diesen Raben herein. Er lügt. Ein Feind bleibt ein Feind! -  Tötet ihn, damit wir vor seiner List sicher sind!“

Der Eulenchef achtete nicht auf ihn und ordnete an, dass die Eulen den verletzten Raben mit in ihre Höhle nehmen.

Nach einigen Tagen ging es dem jungen Raben wieder besser. Er konnte wieder auf eigenen Füßen stehen und die Flügel bewegen. Nun gab er sich alle Mühe, damit die Eulen ihm vertrauen und er die Gunst des Eulenchefs gewinnt.

 

Es war an einem Mittag. Die Eulen waren alle in der Höhle und der Rabe entschloss sich, den letzten Teil seines listigen Planes zu verwirklichen.

Als die  Eulen schliefen und  niemand auf ihn achtete, schlich er sich leise aus der Höhle und flog davon.

Er begann nach den anderen Raben zu suchen. Dabei  gab er darauf Acht,  dass ihm niemand folgte. Schließlich fand er sie .

 

Der greise Rabe war hocherfreut, als er den jungen Raben gesund und heil vor sich sah. Der junge Rabe erzählte ihm, was alles passiert war und sagte: „Nun seid ihr an der Reihe!“

„Was müssen wir denn tun?“ fragte der alte Rabe.

Der junge Rabe erklärte:

„Die Eulen sind alle in der Höhle. Ich habe, nachdem es mir wieder besser ging, angefangen, in der Nähe der Höhle Reisig zu verstecken. Ihr müsst es nun vor der Höhle aufhäufen. Derweil will ich zum Hirten fliegen, der in der Nähe die Schafe hütet. Er hat immer ein Feuer brennen. Ich werde ein glühendes Holz herbeibringen und wir werfen es auf den Reisighaufen. Wenn dann die Eulen aus der Höhle fliehen wollen, werden ihre Flügel Feuer fangen und wenn sie in der Höhle bleiben, werden sie ersticken.

Wenn mein Plan richtig durchgeführt wird, werden wir für immer vor den Eulen sicher sein.“

 

Der greise Rabe befahl einigen, dass sie den jungen Raben begleiten und auf ihn hören. Die Raben stapelten also Reisig um die Höhle herum und der junge Rabe holte eine glühendes Stück Holz aus dem Hirtenfeuer. Er warf es auf die Reisighölzer die sofort Feuer fingen. Als der dicke Qualm in die Höhle eindrang, wollten die Eulen fliehen. Doch wer von ihnen die Höhle verließ, dessen Flügel fing Feuer und wer in der Höhle blieb, der erstickte.

Schließlich waren alle Eulen tot und die Raben krächzten freudig. Ein Rabenküken stand neben seiner Mutter und schaute zur Höhle. Es war froh, dass  es keine Eule mehr gab, vor der es Angst haben musste. Die Eulen sahen die Sonne hinter den Bergen untergehen und wussten: Es ist Zeit nach Hause zurückzukehren.

 

Jun 16, 2017 13:02 CET
Kommentar