Der Volksmund ist wichtiger Kulturschatz eines Landes. In der Geschichte haben verschiedene Völker das iranische Gebiet bewohnt oder bereist und Iran besitzt eine reichhaltige mündliche Volksliteratur , von der ein Teil erfreulicherweise schriftlich festgehalten wurde.

Zu diesen volkstümlichen Erzählungen gehören Matal, Mathal, Fabeln, Märchen,  Erzählvorträge , Trauergesänge, Epen und die Volkslieder.  Wir haben ihnen das  Matal und Mathal und die iranische Fabel vorgestellt. Ein weiterer Zweig der volkstümlichen Literatur  bildet das Volkslied, auf Persisch:  Taraneh.

Das Wort „Taraneh" ist schon sehr alt .Mit „Taraneh" wurden schon in alten Zeiten persische Volkslieder bezeichnet.  Sehr wahrscheinlich hat man bereits zu den ältesten Formen der Persischen Dichtung „Taraneh" gesagt.

Taraneha sind inhaltlich sehr verschieden –  Sie beinhalten Liebeserklärungen oder Spott, sind Schlaflieder oder Erzählungen oder dienen dazu ein Märchen einzuleiten oder ausklingen zu lassen oder ein Spiel zu begleiten. Sie werden von Einzelnen oder in der Gemeinschaft gesungen und sollen persönliche oder gemeinsame Gefühle ausdrücken.

Die Volkslieder lassen sich literarisch nach vier Merkmalen untersuchen, nämlich Versfuß, Reim, Inhalt und Stil.

Hinsichtlich des Versfußes dieser Teile der iranischen  Poesie, die nicht unter den üblichen Begriff der Dichtung fallen,  wie zum Beispiel die alten Gedichte aus dem Avesta, der Pahlavi- Dichtung und der arsakidischen und sassanidischen Dichtung und den alten Volksliedern im Altpersisch und in Farsi  gibt es zahlreiche Untersuchungen.

Besonders wertvoll sind die Untersuchungen der europäischen Wissenschaftler wie dem französischen Orientalisten Émile Benveniste und dem deutsche Orientalisten Walter Bruno Hennig oder auch des russischen Orientalisten Yuri Nikolayevich Marr . Auch iranische Theoretiker wie Malek Al Schuara Bahar, Sadiq Hidayat und Parviz Natel-Khanlari haben derartige Untersuchungen durchgeführt.

Professor Marr  betrachtet die zeitgenössischen Volkslieder als wertvollen Schlüssel für  Erkenntnisse über das Metrum der alten Avesta- und Pahlavi-Dichtung. Der iranische Forscher Dr.Parviz Natel-Khanlari (1914-1990)  schreibt, dass für das Metrum der Volkslieder auch die Kürze und Länge der Silben und die Betonung eine wichtige Rolle spielen.

Er erklärt dazu, dass  lange Silben kürzer ausgesprochen und kurze Silben in die Länge gezogen werden können, wenn die Melodie eines Volksliedes dies erfordert.

Weitere Ausführungen verschieben wir auf den nächsten Teil und wenden uns nun einem Volksmärchen zu, nämlich dem Märchen von Malek Dschamschid und dem jungen Seepferd.

Es handelt von außergewöhnlichen Ereignissen und dankbaren Tieren, wie sie oft in Volksmärchen vorkommen.

Es war einmal vor langer Zeit ein König, der hatte einen Sohn namens Malek Dschamid. Als Malek Dschamschid 10 Jahre alt war, starb seine Mutter und der Knabe geriet in die Hände einer Stiefmutter. Malek Dschamschid war sehr traurig über den Tod seiner Mutter. Der König, der seinen Sohn über alles  liebte, gab sich große Mühe, um ihm eine Freude zu bereiten. Aber der junge Prinz  dachte nur an seine Mutter und an nichs anderes. Da sagte eines Tages jemand zum König:

„Wenn du ein kleines Seepferd für deinen Sohn besorgst, wird er damit beschäftigt sein und seinen Kummer vergessen!"

Der König ließ den Minister kommen und befahl ihm ein Seepferd für seinen Sohn Malek Dschamschid zu finden.  Da schickte der Wezir zwei versierte Leute ans Flussufer damit sie ein junges Seepferd fangen.

Die zwei gingen an den Fluss  versteckten sich  und als eine Seepferdkuh   das Wasser verließ  und ein Kind gebar, fingen sie das Seepferdjunge ein und brachten es in den königlichen Stall.

Als der König hörte, dass man ein Seepferdjunges  gebracht hatte freute er sich und belohnte den Minister und die beiden Diener.

Dieses Seepferdjunge trank kein Wasser, sondern bekam Fruchtsirup und Rosenwasser zu trinken.  Und  statt Stroh und Heu gaben sie ihm Würfel- und  Kandiszucker  mit Safran zu fressen.  Am  erstaunlichsten war, dass dieses kleine Seepferd  wie Menschen sprechen konnte. Seepferde sind eben  Fabelwesen.

Malek Dschamschid  war außer sich vor Freude, als er von dem kleinen Seepferd  erfuhr und kam herbeigelaufen, um es sich anzusehen.  Sofort hatte er das Tier  ins Herz geschlossen.

Dann sagte er, man solle ihm ein schönes Haus bauen. Er holte eine goldene Schüssel für das Rosenwasser herbei und füllte ein Gefäß mit Würfel- und Kandiszucker, damit das Seepferd sich richtig wohl fühlt. Malek Dschamschid ließ niemanden in die Nähe seines Seepferdes sondern gab ihm selber  zu Fressen und zu Trinken.

Jeden Morgen besuchte er  vor der Schule seinen neuen Freund, und wenn er mittags oder gegen Abend heim kam , ging er erst zu ihm und streichelte es.

Der König  war beruhigt, als er sah, dass Malek Dschamschid mit dem kleinen Seepferd beschäftigt ist und den Schmerz über seine verstorbene Mutter überwunden  hatte.

Malek Dschamschid wuchs heran und bald sah die Frau des Königs, dass er ein hübscher Jüngling  geworden war. Sie  wurde neidisch auf den Sohn ihres Gemahls und überlegte, wie sie ihn aus dem Weg räumen kann. Deshalb ließ sie einige Diener kommen, gab ihnen ein gutes Trinkgeld  und befahl ihnen, sie sollten auf den Weg, auf dem  Malek Dschamdschid nach Hause kam, eine Grube anlegen und vergiftete Dolche und Speere in die Grubenwand stecken. Dann sollten sie das Erdloch mit einem Teppich abdecken, damit Malek Dschamschid hineinfällt  und sie ihn los wäre.

Die Diener taten was ihnen befohlen worden war. Malek Dschamschid schaute auch an jenem Tag auf dem Heimweg von der Schule  als erstes wieder bei  seinem Seepferd vorbei. Da sah er Pferd weinen und fragte erstaunt nach dem Grunde. Das Seepferd aber hatte gehört, was die Stiefmutter von Malek Dschamschid den Dienern gesagt hatte und erzählte Malek Dschamschid alles.

Da sagte Malek Dschamschid. „ Mach dir keine Sorgen,  ich werde auf einem anderen Weg in mein Gemach zurückgehen." Dann bereitete er Zucker und Kandis für das Seepferd vor und ging auf einem sicheren Weg in das Prinzengemach zurück.

Die Frau des Königs, seine Stiefmutter,  aber hatte Malek Dschamdschid von weitem beobachtet. Als sie sah, dass Malek Dschamschid einen anderen Weg gegangen war, dachte sie sich etwas Neues aus. Sie bereitete, als Malek Dschamschid am nächsten Tag in der Schule war, ein Gift vor und vermischte es mit seinem Abendessen.

Malek Dschamschid ging auch an diesem Tag auf dem Rückweg erst wieder zu seinem Seepferd. Wieder sah er das Seepferd weinen.

Das Seepferd erzählte ihm: „Deine Stiefmutter hat Gift unter dein Essen gemischt. Sie will dich heute abend vergiften."

Da versprach Malek Dschamschi, das Abendessen nicht anzurühren.

Als ihm abends das Essen gebracht wurde, warf er einen Bissen vor die Katze. Kaum hatte die Katze den Bissen verschluckt, fiel sie tot um. Also aß Malek Dschamschid nichts von den Speisen. Am  nächsten Morgen brachten die Diener das Tablett mit Essen zurück, und die Frau des Königs sah, dass ihr Stiefsohn das Essen nicht angerührt hatte. Da fragte sie sich verwundert,  wer wohl den Prinzen in ihre Pläne einweiht.

Sofort dachte sie, dass es einer der Diener sein muss. Aber bald hatte sie festgestellt, dass die Diener von nichts wussten. Dann dachte sie: „Es ist dieses Seepferd, dass Malek Dschamschid hilft!" Da überkam sie eine große Wut auf das Tier und sie sagte sich: „ Ich muss es sobald wie möglich aus dem Weg räumen. Dann erst kann ich auch den Prinzen loswerden."

Die Frau des Königs sandte ihren Diener zum Quacksalber.  Der Diener kam zum Quacksalber und sagte: „Die Frau des Königs wird sich krank stellen und du sollst kommen und sagen, sie müsse das Herz und die Leber eines jungen Seepferdes essen, um geheilt zu werden." Dann gab er dem Quacksalber ein gutes Geld und versprach ihm eine noch größere Belohnung, wenn alles gut geklappt hatte.

Die Frau des Königs stellte sich also krank.  Sie legte sich ins Bett, begann zu klagen und sich hin und her zu wälzen, als habe sie große Schmerzen. Sie hatte trockene Stücke von Fladenbroten unter die Matraze gelegt und wenn sie sich hin und her wälzte dachten alle, ihre Knochen würden knacksen.  Das Gesicht hatte sie sich mit Safran und Gelbwurz

eingerieben, damit es fahl und gelblich aussieht.

Dem König wurde die Nachricht überbracht, dass seine Frau krank ist. Da ließ er schnell den Quacksalber kommen.

Zusammen mit dem Quacksilber ging er  zum Krankenbett seiner Frau.  Als die Frau den König kommen sah, wälzte sie sich wieder im Bett,  und der König erschrak als er das Knacksen hörte.

Der Quacksalber sagte nach der Untersuchung: „Sie ist schwer krank und muss das Herz und die Leber des jungen Seepferdes essen. Dann wird sie wieder gesund."

Der König sagte, er habe nichts dagegen und als Malek Dschamschid zur Schule gegangen war, ließ er einen Metzger holen, damit er das junge Seepferd schlachtet und Leber und Herz des Tieres für seine Frau zubereitet.

Die Fortsetzung dieser Geschichte- in Anlehnung an das Buch Afsanehhaye Irani (iranische Märchen) bringen wir im  nächsten Teil.

Jun 16, 2017 18:35 CET
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