In diesem Teil unserer Beitrages über Märchen und Erzählungen im iranischen Volksmund besprechen wir weiterhin Volksmelodien in unserem Land.

Beim letzten Mal haben wir über romantische und über Kinderlieder als Begleittext zu Spielen gesprochen.  Heute möchten wir kurz über  Begleitmelodien zur Arbeit  sprechen. Solche Gesänge sind besonders unter Bauern, Fischern und Arbeitern üblich. Sie sollen  die Eintönigkeit einer Arbeit oder Müdigkeit überbrücken helfen.   Einige dieser Texte verbildlichen die vertraute Beziehung zwischen Mensch und Tier.  In der ländlichen Kultur dient die  melodische Begleitung zum Ansporn bei der körperlichen Arbeit, in der  städtischen Kultur  begegnen wir dagegen vor allen Dingen Melodien, die dem Ansporn zum Kauf einer Ware gelten,  und es geht um Anwerbung eines Kunden.  Die Verkäufer machen dabei mit lauter Stimme und mit rhythmischen Singsang  die Bazaarbesucher auf sich und ihre Ware aufmerksam.

In den ländlichen Liedern, die während der Arbeit gesungen werden, geht es in vielfältiger Form  oftmals um die Beziehung Mensch-Tier- oder Mensch - Pflanze.  Es geht darum, dass die Tiere an der Seite des Menschen leben und eine wichtige ergänzende Rolle im menschlichen Leben spielen.

Als Beispiel folgender Liedtext:  Ala Morgh-e Sefid-e chuneh-e man, Helalet bad ab wa duneh man – be har sar tscheschmehi Abi benuschi, bekon yad as del diwunehe man

 

 

الا مرغ سفید خونهٔ من حلالت باد آب و دونهٔ من به هر سرچشمه‌اى آبى بنوشى بکن یاد از دل دیوونهٔ من

 

Wisse weiße Henne in meinem Haus – das Wasser und die Körner in meinem Haus sind dir erlaubt !– An jeder Quelle an der du trinkst, - denk an mein liebendes Herz.

 

Im Islam genießen Tiere eine besondere Achtung und einige von ihnen stehen unter dem Schutz der Imame und Nachkommen aus dem Hause des Propheten, wie zum Beispiel das Reh.  Gemäß einer Überlieferung rettete Imam Ridha (a.) dessen Ruhestätte in Maschhad steht, ein Reh aus den Fängen eines Jägers, damit es sein Rehzicken stillen kann. Imam Ridha erhielt deshalb den Beinamen „Samen-e Ahu“ –Beschützer des Rehs.

In den Augen der Bevölkerung sind auch andere Tiere, wie Löwe, Pferd und bestimmte Vögel wertvolle Wesen.  Der Mensch stellt gerade  zu Vögeln wie Nachtigall, Taube, Papagei und Kanarienvogel  eine besondere spirituelle  Beziehung her.

Aber bei einigen anderen Tieren gestaltet sich die Beziehung des Menschen zu ihnen  eher feindlich.  So gelten  Adler und Schlange als Feinde. Man bedient sich manchmal einer List, um sie zu bekämpfen,  oder bittet Gott um Schutz vor ihnen  usw.

Die Melodien auf der Hirtenflöte und der Gesang der Kameltreiber zählen ebenso zu der Folklore.

In  der iranischen Kultur bedient man sich übrigens schon seit langem der Musik, um  die Milchproduktion von Kühen anzuregen.  Unter den iranischen Nomaden werden immer noch für die Tiere Lieder gesungen.  Im  Nomadenstamm Il Ghaschghai  (auch Kaschgai) sind  Melodien üblich,  deren Inhalt sich speziell auf die Arbeit mit Tieren bezieht, wie zum Beispiel, wenn die Herden zusammengetrieben werden oder  die Frauen Schafe und Kühe melken. Diese  Lieder werden in einem besonderen Dialekt gesungen.

 

Wir bringen nun den nächsten Teil des Volksmärchen von Malek Dschamdschid und dem Seepferdfohlen.

 

Sie erinnern sich, dass der König seinem Sohn Malek Dschamschid ein schönes Seepferdfohlen besorgt hatte, aber die Stiefmutter erst den Prinzen und dann das Seepferd töten wollte, so dass der Prinz mit seinem Fabelwesen, dem Seepferd aus dem Palast seines Vaters floh.  In einer anderen Stadt angelangt, begann der Prinz als armer Hirte verkleidet im Garten des Königs als Gehilfe zu arbeiten. Die jüngste Tochter des Königs verliebte sich in ihn.   Sie sagte , als ihre beiden Schwestern von der Jagd zurückgekehrt waren: „Wir sind alle drei im Heiratsalter. Unser Vater hat sich noch  keine Gedanken darüber gemacht, also müssen wir etwas unternehmen, um ihn daran zu erinnern.“

Die beiden anderen Schwestern waren der gleichen Ansicht und sagten: „Was sollen  wir aber tun?“ Da sagte die jüngste Königstochter: „Macht euch keine Sorgen, überlasst mir die Sache.“

Die anderen beiden Schwestern waren einverstanden und am nächsten Tag bestellte die jüngste Prinzessin, die sich in den Gärtnerjungen verliebt hatte, beim Gärtner drei Honigmelonen. Eine  davon sollte völlig reif sein, die zweite nur reif und die dritte nur halbreif.

Der Gärtner legte die gewünschten Melonen auf ein Tablett, gab sie einem Diener und sagte, wie die Prinzessin befohlen hatte, dass der Diener sie dem König überbringt.

Der Diener brachte dem König die Melonen und bestellte, dass seine Töchter sie geschickt haben.

 

Der König war verwundert, aber so sehr er auch nachdachte, was das zu bedeuten hatte, und warum ihm seine Töchter diese Honigmelonen geschickt haben, er konnte nicht begreifen, was diese drei Honigmelonen bedeuten. Da bat er seinen Minister um Hilfe. Der Minister aber lachte und sagte: „Es ist doch klar, was eure Töchter damit meinen, Majestät.  Sie wollen heiraten.“

Da sagte sich der König, dass seine Töchter recht haben und wunderte sich, dass er selber noch nicht daran gedacht hatte.

In dieser Stadt war es Sitte, dass, wenn eine Königstochter heiraten wollte, alle Jünglinge der Stadt am Palast des Königs vorbeiziehen und das Mädchen eine Torandsch (eine Pomeranze (Zitrusfrucht) auf den wirft, den sie heiraten möchte. Dann durfte der junge Mann die Prinzession heiraten.  

Der König schickte Herolde aus. Die sollten überall verkünden, dass die drei Töchter des Königs sich einen Mann aussuchen wollen und alle jungen Männer der Stadt am nächsten Tag vor dem Palast erscheinen sollen.

Am nächsten Tag zog eine lange Schlange von jungen Männern am Palast vorbei. Die älteste Tochter warf die Pomeranze auf den Sohn des Wezirs zur Rechten des Königs und die mittlere Tochter auf den Sohn des Wezirs zur Linken des Königs.   Da gingen die Söhne der Wezire in den Palast hinein.

Aber soviel die kleine Prinzessin auch Ausschau unter den jungen Männern hielt, sie konnte Malek Dschamdschid nicht entdecken und behielt die Pomeranze in der Hand.

 

Die beiden anderen Schwestern wunderten sich: „Was ist los? Du hast doch als Erste gesagt, dass wir heiraten sollen!“

Da sagte die jüngste Schwester: „Der, den ich möchte, ist nicht unter diesen Leuten.“

Da holten die Beamte des Königs auf dessen Befehl noch einige andere junge Burschen aus der Umgebung der Stadt. Unter ihnen war auch Malek Dschamschid.  Kaum hatte die jüngste Prinzession  Malek Dschamschid erblickt, warf sie die Pomeranze  auf ihn.

Der König und seine Leute waren verwundert: „Wieso hatte das Mädchen alle geeigneten Freier abgelehnt und diesen ärmlichen Jungen ausgesucht?“  Der König wurde ganz bleich. Er sagte zu seiner Tochter: „Du hast mich vor allen in dieser Stadt bloßgestellt.  Jetzt wo du diesen Burschen ausgesucht hast, ist es besser wenn du den Palast zusammen mit diesem Hirtenjungen verlässt.“

 

Das Mädchen sagte nichts . Sie ging und vermählte sich mit dem  jungen Gartengehilfen und lebte in dessen kleinen Gartenhütte.

                            

Der König ließ die Stadt festlich beleuchten und feierte 7 Tage und 7 Nächte lang die Hochzeit der beiden älteren Schwestern. Aber er hatte wenig Freude an dem Fest, weil er über seine jüngste Tochter verärgert war. Schließlich wurde er  richtig krank und bettlägrig.   Man holte alle Ärzte aus der Stadt an sein Bettlager, aber keiner wusste was dem König fehlt. Sie  konnten ihm nicht helfen.

 

Die Söhne der Wezire hatten ihren Frauen verboten, dass sie ihre jüngste Schwester besuchen.

Als eines Tages ein Arzt aus einer anderen Stadt herbei kam baten sie auch ihn um Rat. Der fremde Arzt empfahl, dass der König  frisches Wildfleisch zu sich nimmt . Dann würde  es ihm wieder gutgehen.

 

Die beiden Schwiegersöhne des Königs bereiteten sich sogleich auf die Jagd vor, denn sie wollten sich bei ihrem Schwiegervater beliebt machen.  Der König hatte ja keinen Sohn, und würde den zum Nachfolger ernennen, den er als Ersten ins Herz geschlossen hatte.

Der König befahl, dass sie beide gemeinsam  auf die Jagd gehen.

Die beiden gingen und nahmen sich zwei schnelle und kräftige Pferde und Pfeil und Bogen. Da kam Malek Dschamschid herbei und sagte: „Ich bin auch ein Schwiegersohn des Königs . Gebt mir auch ein Pferd!“  Doch die beiden anderen Schwiergersöhne lachten ihn aus. Malek Dschamschid erhielt schließlich nur einen kranken lahmen Gaul und einen morschen Bogen mit ein paar alten Pfeilen.

Malek Dschamschid sagte nichts. Er bestieg das Pferd und machte sich auf den Weg.

Liebe Freunde, den letzten Teil der iranischen Volkserzählung von Malek Dschamschid und dem Seepferd bringen wir beim nächsten Mal

Jun 16, 2017 19:21 CET
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