Liebe Hörerfreunde! Sie hören wieder eine Geschichte und wir erklären ein iranisches Sprichwort.

Vor langer Zeit gab es einen steinreichen Mann, der so geizig war, dass er einem Bedürftigen noch nicht einmal eine Scheibe Brot schenkte. Er zeigte sich niemals Gott dankbar für den vielen Segen und behandelte alle von oben herab. Zudem war er stets übel gelaunt. Eines Tages klopfe ein Bettler an seine Pforte.

Der Diener des reichen Mannes öffnete das Tor. Als er den Bettler sah, riet er ihm : Wenn du dein Leben liebst, dann geh schnell wieder fort! Von meinem Herrn wirst du nichts bekommen!“

Der Bettler aber antwortete: „Woher bist du da so sicher. Frag ihn bitte!“

Der Diener wieder: „Ich kenne meinen Herrn nur zu gut. Er kann Bettler nicht ausstehen. Bring dich in Sicherheit!“

Doch der Bettler wollte nicht gehen.

Da ging der Diener zu seinem Herrn und berichtete von dem Bettler vor der Pforte. Der alte Geizholz geriet in Wut: „Warum störst du mich? Du raubst mir wegen einem Bettler meine kostbare Zeit?“

Der Diener sagt: „Er möchte doch nicht viel. Bei Gott, helft ihm doch ein wenig!“

Da schob ihn der Geizhals mit den Worten beiseite: „Ich werde es schon schaffen ihn loszuwerden. „ Er ging zur Pforte und schrie den Bettler an, dass er verschwinden soll: „Das Geld liegt doch nicht auf der Straße, dass ich es jedem Herbeigelaufenen schenke. Es hat mich Mühe gekostet, an diesen Reichtum zu gelangen. Wenn du nicht so faul wärest, bräuchtest du nicht betteln zu gehen!“

Der Geizhals hatte den Bettler tüchtig angeschrien, doch der Bettler wich nicht von der Stelle. Da befahl der reiche Mann seinem Diener, den „Störenfried“ mit Prügeln zu vertreiben.

Der Bettler suchte das Weite und der Reiche kehrte ins Haus zurück. Er wusste nicht, dass an diesem Tag eine Wende in seinem Leben eingetreten war.

Der Reichtum des geizigen undankbaren Mannes begann zu schrumpfen. Er beklagte sich bei Gott, dass er kein Geld mehr anhäufen konnte. Schließlich musste er alle Diener entlassen, und dann sein Haus verkaufen, um seine Schulden zu begleichen. Es kam letztendlich so weit, dass er betteln gehen musste. Keiner hätte geglaubt, dass dieser Mann in Lumpen einmal einer der reichsten in jener Stadt gewesen war.

Der ehemalige Diener des reichen Mannes aber war von einem guten großmütigen Mann aufgenommen worden. Der Diener hatte es nach den vielen Jahren, die er im Haus des Geizhalses gelitten hatte, bei seinem neuen Herrn sehr gut. Eines Abends klopfte jemand an das Tor seines neuen Herrn. Der Diener öffnete die Pforte und sah einen Bettler in Lumpen vor sich. Der Diener ging zu seinem Herrn und gab ihm Bescheid. Der sagte ihm, er solle sich um den Bettler kümmern. Da holte der Diener den Bettler ins Haus und brachte im Essen. Der Bettler aß, bis er satt war und setzte sich dann in einen Winkel. Als der Sklave ihm Tee brachte erkannte er plötzlich seinen ehemaligen Herrn. Weinend kam er zu seinem neuen Herrn gelaufen. Der fragte nach dem Grund.

Da erklärte er ihm, dass er wegen dieses Bettlers weint, und berichtete davon, dass dieser einmal ganz reich aber sehr geizig und hartherzig gewesen war. Er sagte weiter: „Ich habe in seinem Haus gedient. Er hat niemals einem Bedürftigen geholfen, obwohl er so vermögend war. Ich kann mich noch genau daran, wie er mir befahl, einen armen Bettler mit Gewalt fortzujagen.“

Da fragte der neue Herr: „Welchen Bettler?“ Und da erzählte sein Diener ihm die ganze Geschichte.

Da sagte sein neuer Herr: „Ja ich kann mich noch gut an euch beide erinnern. Aber ihr könnt mich nicht wiedererkennen, denn heute sehe ich ganz anders aus. Ich bin jener Bettler. Dein Herr hat mich damals verjagt und wusste nicht, dass sich das Leben total ändern kann.“

Nach dieser Geschichte aus dem Bustan von Saadi folgt nun die Erklärung eines Sprichwortes.

Es ist noch nicht so lange her, da waren überall mit Baumwolle gefüllte Steppdecken und Matratzen im Iran üblich. Deren Stoffhülle wurde jedes Jahr im Sommer geöffnet und die Baumwolle von einem sogenannten Pambehzan, einem Baumwollkämmer, bearbeitet, bis sie wieder schön flockig war. Ein Pambehsan verbrachte manchmal mehrere Tage in einem Haus, bis er alle Decken und Matratzen fertig hatte.

Natürlich waren diejenigen Baumwollkämmer beliebt, die schnell die Arbeit erledigt hatten. Jeder Baumwollkämmer erwartete vom Hausbesitzer neben seinem Lohn auch ein kräftiges Mittagessen und Tee.

Eines Tages hatte jemand wieder einen Baumwollkämmer ins Haus geholt und ihm mehrere Matratzen und Steppdecken gebracht. Die Nachbarsfrau sah wie der Mann fleißig damit beschäftigt war, die Baumwolle über seinen Bogen zu kämmen und dachte: „Der ist aber tüchtig. Ich werde ihn auch zu uns ins Haus holen.“ Sie ging zum Nachbarhaus und bat den Baumwollkämmer auch für sie zu arbeiten.

Der Baumwollkämmer willigte ein.

Der Baumwollkämmer hatte tüchtig bis Mittags die Baumwolle der neuen Auftragsgeberin aufbereitet und wartete nun auf ein stärkendes Mittagsmahl. Aber die Hausbesitzerin brachte ihm nur verdünnten Joghurt mit einem Brocken trockenes Brot. Der Baumwollschläger musste an das gute Essen denken, das er ihm Nachbarhaus bekommen hatte . Er hatte nun schon seit dem frühen Morgen gearbeitet und von dieser Frau noch nicht einmal ein Glas Tee angeboten bekommen.

Aber er konnte sich ja schlecht beschweren.

So nahm er die Joghurtsuppe zu sich. Der Joghurt mache ihn schläfrig. Nun konnte er nicht mehr so tüchtig arbeiten wie am Morgen.

Am nächsten Morgen hoffte er ein gutes Mittagessen zu bekommen. Sicherlich hatte die Hausbesitzerin am Vortag nur Joghurtsuppe im Haus gehabt, dachte er. In Vorfreude auf ein gutes Essen, arbeitete er wieder fleißig bis zum Mittag. Doch wieder bekam er nur Joghurtsuppe . Der Baumwollkämmer verspeiste sie mit Unlust. Er wurde schrecklich müde und streckte sich auf der Baumwolle aus. Die Hausbesitzerin bemerkte wie still es im Hof geworden war. Sie schaute aus dem Fenster und wunderte sich: „Na so was! Der Panbehzan schläft ja, statt zu arbeiten. Wieso arbeitet er nicht so schnell wie für den Nachbarn. Schon gestern Nachmittag war er faul.“

Da brachte sie ihm schnell ein Glas Tee.

„Hier trink ein bisschen Tee!“ Der Baumwollkämmer bedankte sich. Da sagte die Hausbesitzer : „Beim Nachbarn hast du viel schneller gearbeitet. Aber bei uns scheinst du keine Lust zur Arbeit zu verspüren!“ 

Der Baumwollkämmer packte die Gelegenheit beim Schopf und antwortete: „Man be nerch dughet panbeh mizanam“:

Wenn ich Baumwolle schlage, dann zum Preis deines Joghurtwassers. Nebenan habe ich Gulasch mit Reis gegessen und hatte die Kraft zu arbeiten, aber hier habe ich Joghurtsuppe bekommen und bin schläfrig geworden.“

Da wusste die Hausbesitzerin keine passende Antwort zu geben.

Jedenfalls bürgerte sich unter den Arbeitern der Spruch: „Ich kämme die Baumwolle zum Preis deines Joghurtwassers“ ein und zwar sagen sie dies wenn von ihnen mehr Arbeit verlangt wird, als es ihrer Entlohnung entspricht.

Jun 23, 2017 13:50 CET
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