Liebe Hörerfreunde! Wir bringen heute eine Geschichte aus dem Bustan (dem Garten) von Saadi und stellen ein weiteres Sprichwort vor.

Eine alte Frau lebte mit ihrer Katze in einer ärmlichen Hütte. Aber sie war zufrieden und dankbar für ihr schlichtes Leben und teilte ihr dürftiges Essen mit ihrer Katze. Die Katze war jedoch unzufrieden und beklagt sich laufend bei ihren Freunden über ihr einfaches Leben.

Eines Tages freundete sich eine dicke Katze mit dem mageren Haustiger der alten Frau an. Als sie von den armen Verhältnissen im Haus der mageren Katze hörte, sagte sie: „Verlass diese Hütte und geh zum Königlichen Gasthaus! Dort gibt es die herrlichsten Speisen: Fleisch vom Hammel, Geflügelfleisch, Reh- und Gemsenfleisch. Komm mit. Du kannst dich dort dick und rund fressen. Sieh! Wie schön dick ich bin. Ich hab das beste vom Besten genossen. Du hast keine Vorstellung wie köstlich die Speisen am Königshof sind!“

Der mageren Katze war das Wasser im Mund zusammen gelaufen. Die beiden machten sich also auf den Weg zum Königlichen Gasthaus.

Die magere Katze fühlte sich gleich wie zu Hause. Sie spazierte in die Küche und machte sich über die guten Speisen her. Jedoch ahnte sie nicht, dass die Leute im Gästehaus des Königs keineswegs so gütig wie die alte Frau, bei der sie wohnte, waren. Sie wusste nicht, dass diese Leute gar nicht gut auf Katzen zu sprechen sind.

Die Lakaien des Königs hatten die Katze in ihrer Küche entdeckt und stürzten herbei. Sie schlugen mit Kellen und Löffeln auf das arme Vieh ein. Der Katze fiel vor Schreck der letzte Bissen aus dem Mund und sie ergriff die Flucht. Aber die Lakaien verfolgten sie und einer warf ihr sogar eine spitzen Fleischspieß nach. Mit einer tiefen Wunde an der Tatze hinkte die Armselige davon. Sie hatte noch einmal ihre Haut – sprich: ihr Fell – retten können. Jammernd zog sie sich in einen Winkel zurück und murmelte: „Diese dicke Katze hat doch gesagt, wenn ich zum Königlichen Gästehaus gehe, werde ich nach ein paar Tagen rund und fett. Aber sie hat mir nicht gesagt, dass ich gleiche am ersten Tag lahm geschlagen werde. Bei dieser Prügel lohnt sich auch nicht das beste Essen!“ Und damit entschloss sie sich wieder in das Haus der alten netten Frau zurückzukehren und sich mit Mäusen zu begnügen.

Unser dieswöchiges Sprichwort lautet: Awal Tschah ra bekan, bad minaresch ra bedozd! Was es damit auf sich es, werden Sie nach ein paar Takten Musik erfahren:

An einem Fluss lagen in geringem Abstand zueinander zwei Dörfer: Das eine an dem einen Ufer und das andere an dem Ufer gegenüber. Eines der Dörfer hieß Painrud „unten am Fluß“ und das andere Balarud „oben am Fluß“. Die Einwohner von Painrud war nicht besonders gescheit. Die meisten von ihnen waren arm und hatten nur Lehmhütten oder Hütten aus Rohziegeln. In Balarud aber hatten die Bewohner es besser. Sie besaßen sogar einen richtigen Turm. Es war ein Brennofen für Ziegelsteine. Mit diesen Ziegelsteinen bauten sie recht ansehnliche Häuser.

Die Leute in Painrud wünschten sich ein besseres Leben. Sie hätten auch gerne Ziegelsteinhäuser gebaut. Aber sie wussten nicht, wie sie einen so hohen Ziegelofen wie in Balarud bauen sollten. Bei Gelegenheit versammelten sie sich umeinander und sprachen neidvoll über die Bewohner im anderen Dorf. Eines Tages schließlich sagten sie sich: Wir besorgen uns auch einen hohen Ziegelbrennofen und brennen Ziegelsteine. Dann wird es uns besser gehen und wir werden auch Ziegelsteinhäuser besitzen.

Daraufhin beschlossen sie, im Dunkeln der Nacht sich nach Balarud zu schleichen und den dortigen Ziegelbrennofen zu stehlen.

Es war mitten im nächtlichen Dunkel, als sich 50 starke junge Burschen aus Painrud mit 20 kräftigen Eseltieren in Richtung Balarud auf den Weg gemacht hatten. Sie überquerten den Fluss und erreichten schließlich den Ziegelbrennofen. Die Einwohner von Balarud aber verbrachten ahnungslos tief im Schlaf.

Die Burschen aus Painrud vergewisserten sich, dass keiner sie bemerkt hat. Nun banden sie mehrere Seile um den Turm und begannen gemeinsam an den Seilen zu ziehen. Ihre Esel stellten sie ganz in der Nähe in eine Reihe, damit der Turm auf deren Rücken fällt, wenn sie ihn umgestürzt haben.

Zufällig lebte dort ein alter Mann in der Nähe des Ziegelbrennofens. Er wachte von dem Lärm auf, schlich sich heran und begriff worum es geht.

Heimlich musste er herzlich über die Dummheit der Leute von Painrud lachen und er dachte sich: Lass sie doch. Sie werden schon sehen, dass man keinen Turm ausreißen kann und sich wieder verziehen.

Das junge Volk aus Painrud hatte den Turm in Balarud nicht um einen Millimeter verrücken können. Langsam gerieten sie in Zweifel, ob ihnen das je gelingen werde. Einige meckerten und andere suchten nach einer neuer Lösung. Der alte Mann aus Balarud hatte eine Idee. Er trat vor und sagte: „Viel Mühe nicht wahr?! Ich sehe ihr wollt unseren Turm stehlen.“

Da stürzte einer der jungen Kerle heran und wollte ihm den Mund zuhalten. Der alte Mann lachte und sagte: „Du brauchst mir nicht den Mund zuzuhalten. Hört her! Wenn ihr diesen Turm mitnehmt, dann freu ich mich. Ich muss mich hier schon seit 30 Jahren abrackern und bin froh wenn er nicht mehr da ist.“

Da begann das junge Volk erneut sich die Seile umzubinden und sich ins Zeug zu legen. Doch auch nach einer Stunde waren sie nicht weiter gekommen. Sie setzten sich zum Ausruhen in einen Winkel und berieten wieder miteinander. Der alte Mann gesellte sich zu ihnen und sagte: „Ach wisst ihr, dieser Turm ist viel größer als ihr meint. Die Hälfte steckt in der Erde. Aber habt ihr auch daran gedacht, wie ihr einen solchen großen Turm verstecken wollt?“ Da stutzten die jungen Burschen aus Painrud.

Daran hatte keiner gedacht. Da fuhr der alte Mann fort:

„Wenn ihr den Turm stehlt und in euer Dorf bringt, werden es morgen die anderen in meinem Dorf alle merken. Wenn sie ihn dann in eurem Dorf finden, werden sie wissen, dass ihr ihn gestohlen habt. Ihr müsst ihn eine Weile verstecken, bis die Sache in Vergessenheit gerät.“

Das sahen die Leute von Painrud wohl ein und fragten: „Wo können wir ihn denn am besten verstecken?“

Der alte Mann schlug vor: „Grabt ein tiefes Loch in die Erde. Es muss zweimal so tief sein, wie dieser Turm hoch ist.“ Die jungen Leute aus Painrud befanden dies als gute Idee: „Ja wir müssen erst ein Loch graben und dann erst können wir den Turm stehlen. Wir sollten zurückkehren und erst ein solches Loch in der Erde anlegen.“

Daraufhin machen sie sich alle auf den Weg in ihr Dorf.

Seit dem gibt es das Sprichwort: Grab erst das Loch und dann stiehl den Turm. Das bekommt jemand zu hören, der zuerst die Vorbereitungen zu einer Sache treffen soll, bevor er mit der Sache selber beginnt.

Jun 23, 2017 14:16 CET
Kommentar