Sie hören eine Geschichte aus dem Mathnawi von Molana Rumi.

Ein Sufi war auf seinem Eselstier einen weiten Weg herbeigeritten und wollte die Nacht in einem Darwischhaus bleiben. So brachte er den Esel zum Stall und bat den Stallknecht, gut auf das Tier acht zu geben. Dann betrat er das Haus und schloss sich dem Zeremonienzirkel der Darwische an. Zu dieser Zeremonie schlug einer der Sufis in die Trommel und sang. Plötzlich wechselte er den Rhythmus und begann eines neues Gedicht. In diesem kam immer wieder zwei Worte vor nämlich: Char beraft, char beraft.

Den Sufis wollte dieser Spruch wohl gefallen und sie stimmten alle begeistert in den Gesang ein: Char beraft-u char beraft-u char beraft. Was nichts anderes bedeutet als der Esel ist weg. Die Darwische tanzten also ihren Darwischreigen und riefen unentwegt char beraft –u char beraft. Schließlich verabschiedeten sie sich gegen Morgen voneinander.

Unser Sufi schnürte sein Bündel und ging zum Stall, um sich mit seinem Esel wieder auf den Weg zu machen.

Doch sein Esel war nicht mehr da. Er fragte den Stallknecht, der aber schüttelte nur bedauernd den Kopf und sagte: „Char beraft u char beraft u char beraft!“ Der Sufi fragte verdattert: „Char beraft??? Was meinst du damit?“

Da zeigte der Mann auf seinen Bart und sagte: „Siehst du wie zersaust er ist. Gestern Abend haben mich ein Dutzend Sufis überfallen, sich den Esel geholt und verkauft. Was du gestern Abend zu Trinken und zu Essen bekamst, war von dem Geld deines Esels. Ich war alleine und konnte nichts verhindern!“

Da rief der Darwisch empört: „Ich habe dir meinen Esel anvertraut, damit du auf ihn achtgibst. Wenn du mir meinen Esel nicht bringst, werde ich zum Kadi gehen .“

Der arme Stallknecht seufzte nur: „Ich konnte doch nichts machen. Du bist selber nicht unschuldig. Du hast der Katze die Leber vorgehalten und willst dass sie heil bleibt?

Doch der Sufi wurde nur noch ungehaltener: „Du bist der Betrüger! Bring mir meinen Esel!“

Der andere sagt: „Ich sage die Wahrheit. Ob du mir glaubst oder nicht!“ Der Sufi wieder spöttisch: „Wenn du recht hast, warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, nachdem sie dich überfallen und den Esel gestohlen haben? Wenn du mich alarmiert hättest, wäre dass doch nicht passiert! Ist doch klar! Du steckst mit ihnen unter einer Decke!“ 

Der Stallknecht wieder: „Ach, ich habe dir ein paar Mal Bescheid sagen lassen, dass sie deinen Esel wegbringen wollen. Aber du hast am lautesten von allen gesungen Char beraft u char beraft. Als ich dich dauernd rufen hörte, der Esel ist weg, der Esel ist weg, habe ich mir gedacht, vielleicht hast du ihnen selber angeboten, den Esel zu verkaufen.“

Da wurde dem Sufi einiges klar und er murmelte kleinlaut: Ja, stimmt ja. Dieser Spruch hat mir richtig gefallen und ich habe kräftig mitgesungen.

So verlor also unser Sufi durch blindes Nachahmen von Leuten, die ihn übers Ohr hauen wollten, seinen Esel.

Diese Woche lautet unser Sprichwort Dozd Basch wa mard basch.

Früher baute man an wichtigen Verbindungswegen Karawansereien. Einige davon waren ein richtiges Bollwerk. Da gab es eine Karawanserei, mit einem eisernen Tor und einer Festungsmauer. Sie war berühmt für ihre Sicherheit und die Reisenden und Händler stiegen gerne in dieser Bleibe ab. So blieb es bis zu dem Tag, an dem drei Diebe sich zusammentaten, um zu beweisen, dass auch diese Karanwanserei nicht unbezwingbar ist.

Die Diebe beschlossen einen Tunnel zu graben, durch den sie eindringen können. Es dauerte viele Tage, bis ihr Tunnel, der vor der Mauer der Karawanserei begann und unter ihr hindurch bis zur Mitte des Wasserbrunnens im Hof des Gebäudes führte, fertig war. Dann – in einer dunklen Nacht - drangen sie leise ein, machten sich über das Hab und Gut der Reisenden und über die Ware der Händler her und kehrten auf gleichem Wege wieder zurück.

Am Morgen verbreitet sich die Nachricht über den Diebstahl wie ein Lauffeuer. Der Gouverneur kam herbeigeritten. Er wollte nicht glauben, dass eingebrochen worden war und er ließ seine Leute die Mauern und das Eisentor nach einem Schlupfloch absuchen. Als sich die Suche als ergebnislos erwies, stellte er fest: „Der Dieb ist also einer von denen, die hier arbeiten.“ Dann befahl er, die Wächter solange zu traktieren sein, bis sie den Diebstahl oder die Mittäterschaft gestehen.

Inzwischen hatten die Diebe das Diebesgut an einen sicheren Ort gebracht und waren zur Karawanserei zurückgekehrt um zu sehen, was inzwischen passiert war. Sie wurden Zeuge wie die armen Wächter gepeitscht wurden und hörten ihre Schmerzenschreie.

Der Anführer der Diebe sagte beim Anblick dieser Szene: „Es wird Gott nicht gefallen, dass diese armen Kerle für etwas geschlagen werden, was sie nicht verbrochen haben!“

So trat er vor und rief mit lauter Stimme:

„Haltet ein!“

Alle wandten sich dem fremden Mann zu. Er trat näher und rief: „Lasst sie in Ruhe. Sie sind unschuldig. Ich habe den Diebstahl verübt.“

Der Gouverneur sagte: „Was!? Du warst der Dieb? Wie bist du denn eingebrochen?“

Der Chef der Diebe beschrieb ihm wie er in die Karawanserei eingedrungen war.

Alle gingen zum Brunnen und schauten hinunter.

Da fragte der Gouverneur: „Und wo sind die Sachen der Reisenden? Zeig sie uns!“

Da sagte der Dieb: „Hier im Brunnen. Einer kann runtersteigen und nachsehen!“

Aber keiner hatte den Mut dazu. Da sagte der Diebeschef: „Kommt, bindet mir ein Seil um, ich werde selber hinabsteigen!“

Als sie ihn dann in den Brunnen herabgelassen hatte, knüpfte er schnell das Seil los, schlüpfte in den unterirdischen Tunnel und suchte das Weite. Unterdessen hatten sich auch seine Kumpel leise davongemacht.

Die Reisenden standen noch eine ganze Weile vor dem Brunnen und warteten auf ihr Hab und Gut. Doch der Dieb ließ sich nicht blicken. So berieten sie und schickten schließlich einen der Leute des Gouverneurs in den Brunnen.

Der fand den unterirdischen Tunnel und kroch hindurch.

Der Gouverneur und die Reisenden umringten immer noch den Brunnen als er durch das Tor wieder die Karawanserei betrat und die anderen rief. Da hatten nun alle begriffen, dass der Dieb die Wahrheit gesagt hatte. Und die Wächter wurden freigelassen. Während der Gouverneur nervös hin und her schritt rief plötzlich einer der Reisenden, der einen Teil seines Gutes verloren hatte: „Dieser Dieb war ein anständiger Mensch. Es macht mir nichts aus, dass er mir etwas gestohlen hat. Er soll es behalten und sich daran freuen. Es war ein Dieb mit Anstand. Er hat sich in Gefahr gebracht, um Unschuldige zu retten. Stehlen ist etwas Schlechtes, aber wenn schon jemand Schlechtes tut, sollte er wenigstens wie dieser Mann anständig sein.“

Seitdem sagt man zu jemanden, der etwas Hässliches tut aber zugleich auch Anstand besitzt: Dozd Basch wa Mard basch. Vielleicht kann man es so übersetzen: Du kannst ein Dieb sein, aber bleib wenigsten fair.

Jun 23, 2017 14:26 CET
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