•  Islam richtig kennenlernen (78)    

Im letzten Beitrag haben wir beschrieben, wie der Prophet (S) die Stadt Mekka heimlich verließ und sich in der Höhle Thaur versteckte. Der Prophet und seine Begleiter verließen Mekka am 12. des Monats Rabi-ul Awwal (3. Monat des islamischen Mondkalenders). Schließlich erreichten sie ein Dorf namens Quba in circa 11 km  Entfernung des damaligen  Medina.

   

. Hier lebte die Sippe  der  Bani Amru Ibn Auf. Der Prophet blieb einige Tage dort und wartete darauf, dass Ali (Friede sei ihm) aus Mekka nachkommt.  Ali (F) und eine Anzahl von Muslimen aus Mekka wie die Prophetentochter Fatima (gegrüßet sei sie)  und die Mutter Alis (Fatima Bint-i Asad) erreichten Quba einige Tage später. Die Wiedersehensfreude war groß.

 In Quba errichtete der Prophet Gottes (Gottes Segen sei auf ihm und Friede seinem Hause) eine Moschee. Es wird berichtet, dass er selber an dem Bau teilnahm und schwere Steine herbeischaffte.  Als die anderen ihn daran hindern wollten, sagte er: „ Ich selber muss diese Moschee errichten.“ Einige Korankommentatoren sind davon überzeugt, dass sich der Vers 108 der Sure 9 (Tauba) auf diese Moschee bezieht, wo es heißt:

„….Eine Gebetsstätte, die vom ersten Tag an auf die Gottesfurcht gegründet worden ist, hat wahrlich ein größeres Anrecht darauf, dass du dich in ihr hinstellst. In ihr sind Männer, die es lieben, sich zu reinigen. Und Allah liebt die sich Reinigenden.“

Ein oder zwei Tage, nachdem Ali (F) in Quba eingetroffen waren, machten sie sich alle zusammen mit dem Propheten (S) auf den Weg nach Yathrib – wie Medina vor seiner Umbenennung hieß. Die Bewohner von Medina waren hocherfreut, dass der Prophet (S) in ihre Stadt kommt. Sie hatten schon vor drei Jahren den Islam angenommen.  Die jungen Muslime in Medina, die schon vieles für den Islam in ihrer Stadt getan hatten,  liefen dem Propheten des Islams entgegen, als er sich auf seinem Reittier der Stadt näherte.

                                   

Das Oberhaupt jeder Sippe in Medina lud den Propheten ein, bei ihm zu wohnen. Aber der Prophet bat, man sollte sein Reitkamel gewähren lassen. Er sagte,  er werde sich dort niederlassen, wo sein Kamel stehen bleibt. Das Tier blieb schließlich vor dem Haus von Abu Ayyub Ansari stehen und ließ sich dort nieder. So wurde diesem die Ehre zuteil, den Propheten Gottes bei sich aufzunehmen, bis die Moschee von Medina mit den umliegenden kleinen Bauten  errichtet worden war.

Der Bau der Moschee in Medina war ein wichtiger Schritt.  Für den Propheten, für den die Anbetung nur des Einen Gottes oben anstand, war dies der vorrangigste Schritt überhaupt. Die Muslime brauchten die Moschee, um sich dort zum Gebet zu versammeln. Sie benötigten  auch ein Zentrum für Lehre und das moralische Weiterkommen, für  politische und soziale Angelegenheiten und die Rechtsprechung.

 Die Annabi-Moschee – die Prophetenmoschee - wurde erbaut. In ihr wurde nicht nur Gott gepriesen und angebetet, sondern auch das Religionswissen und die islamischen Gebote wurden in ihr gelehrt und sie diente als Ausbildungsstätte für Schreiben und Lesen. Manchmal kamen die großen Poeten der Araber in  die Moschee von Medina und trugen in Anwesenheit des geehrten Propheten Gedichte vor, die mit dem islamischen Geist konform gingen. In der Prophetenmoschee wurden ebenso,  wie auf einem Gericht, Streitfälle und Vergehen  behandelt und Urteile herausgegeben. Der Prophet hat seine Predigten in dieser Moschee gehalten.

Der Grund dafür, dass der Prophet alle Angelegenheiten der Religion und der Wissensvermittlung in dieser Moschee regelte, mag daran  gelegen haben, dass er als höchstes Oberhaupt des Islams  in der Praxis beweisen wollte, dass Wissen und Glaube zusammengehören und das jedes Glaubenszentrum auch ein Zentrum des Wissens sein muss.

Dass die  Moschee darüber hinaus Entscheidungszentrale für politische Angelegenheiten und Zentrum der Jurisprudenz und sozialer Dienste war, machte allen klar, dass der Islam keine Religion ist, die den Fragen im Leben des Menschen gleichgültig gegenübersteht. Vielmehr ist diese Religion eine  Lehre, die sowohl den Menschen zum Glauben und zur Frömmigkeit aufruft als auch die Verbesserung der kulturellen, politischen und sozialen Lage des Volkes anstrebt.

                                              

Mit der  Versammlung der Muslime in Medina  begann auch ein neues Kapitel im Auftrag des Propheten. Der Prophet Gottes hatte vor der Auswanderung von Medina als Verkünder der Religion wirken,  die Herzen anziehen und die Islamische Lehre verbreiten sollen. Aber nach der Niederlassung in Medina  sollte er wie ein erfahrener Politiker die Existenz des Islams und der Muslime und das junge islamische Regierungssystem verteidigen und  nicht zulassen, dass Aggressionen  des externen Feindes und der Feinde in den eigenen Reihen der muslimischen Gesellschaft etwas anhaben können. Natürlich sahen sich der Prophet und die Gläubigen diesbezüglich Hindernissen und Problemen gegenüber. Zum Beispiel ging von den Götzenanbetern der Qureisch und allgemein von den Götzendienern auf der Arabischen Halbinsel, ebenso wie von den  reichen und mächtigen Juden in Medina und Umgebung, eine Gefahr aus.  Dazu kam, dass die Muslime aus Mekka und die gläubigen Einwohner von Medina - unter verschiedenen Bedingungen gelebt hatten und zum Teil unterschiedlich dachten und eine andere Kultur besaßen. Außerdem waren zwei  Stämme von Medina, nämlich die Aus und Chazradsch vor der Ankunft des Propheten lange Zeit miteinander verfeindet gewesen.

Alle diese Probleme gefährdeten die Weiterexistenz des Islams und die junge Regierung in Medina. Aber der Prophet fand eine kluge Lösung. Zu seinen außerordentlichen Maßnahmen in Medina, die er auf Geheiß Gottes ergriff, gehörte die Schließung eines Bruderbündnisses zwischen den Muhadschirin (den Einwanderern aus Mekka) und den Ansar – den Muslimen von Medina.

Der Prophet sagte vor der großen Versammlung der Muslime: Jeweils zwei von euch sollt zu religiösen Brüdern werden!  In geschichtliche Quellen der Muslime, wie das Werk Tarich-e Ibn Hischam, stehen die Namen von denen, die Brüder miteinander wurden, verzeichnet.  Durch diesen Plan hat der Prophet (S)  eine soziale und politische Einheit zwischen den Muslimen herstellen können.

Es wird überliefert, dass Ali (a) traurig zum Propheten kam, nachdem alle sich miteinander verbrüdert hatte und klagte: „Du hast deine Helfer alle miteinander verbrüdert, aber kein Bündnis zwischen mir und einem  anderen geschlossen.“ Da sagte der Prophet (S) zu Ali(F):  „Du bist im Diesseits und Jenseits mein Bruder!  Bei Gott, der mich ausgesandt für die Rechtleitung der Menschen! Ich habe deine Verbrüderung deshalb vor mir hergeschoben, weil ich mich zum Schluss mit d i r verbrüdern wollte. Du bist für mich wie Aaron für Moses, mit dem Unterschied, dass nach mir kein Propheten mehr kommen wird. Du bist mein Bruder und mein Nachfolger.“

Das Brüderbündnis war eine wirksame Strategie des Propheten, um die falschen Ansichten aus der Zeit der Unwissenheit zu beseitigen. Dieses Bündnis  trug entscheidend zur politischen und sozialen Einheit zwischen den Muslimen und zur Abschaffung von blindem Volks- und  Stammesstolz bei. Das Bündnis demonstriert die Bemühung des Propheten (S) zur Herstellung eines neuen Zusammengehörigkeitsgefühls um die Achse des Gottesglaubens. Dank dieses Bündnisses wurde unter den Muslimen feste Freundschaft erweckt. Der Prophet hat zur Erzielung dieser Gemeinsamkeit  das Kriterium für den Zusammenhalt, welches  vorher in dem Sippen- und Stammesverband bestand, geändert. Er lenkte es in die vom Islam gewollten Bahnen  und rief auf diese Weise  eine geschlossene Gemeinschaft ins Leben. 

                                      

Der Prophet hat nicht nur die Muslime untereinander verbrüdert sondern außerdem ein Bündnis zwischen sich und ihnen geschlossen. Gemäß diesem Bündnis, das aus mehreren Paragraphen bestand,  bildeten die Muslime ein einheitliches Volk (die Umma) und verpflichteten sich, die Bestimmungen dieses Bündnisses zu beachten. Die Auswanderung des Propheten des Islams aus Mekka nach Medina, d.h. die Hidschra, bei der der Islamische Kalender beginnt, hatte also ein neues Kapitel der Islamischen Lehre aufgeschlagen.

Die Bewegung des Propheten fasste in Medina Fuß. Sein Aufruf ging von Haus zu Haus und spiegelte sich immer mehr in der Gesellschaft wieder.  Die Logik und die klaren Argumente und die exzellenten Schritte des Propheten (S) brachten in einem weiten Umkreis  die vorherigen geistigen, moralischen und gesellschaftlichen Konstruktionen und die falschen Bräuche, die in der damaligen Gesellschaft herrschten, ins Schwanken. Bald hatte der Prophet die Stadt Medina in ein stabiles religiöses, soziales und politisches Zentrum umgewandelt. Von Medina aus verbreitete sich der Islam in die ganze Welt.  Von Medina aus hat der Prophet (S) seine Lehre allen Völkern der damaligen Welt vorgestellt und sie eingeladen, den vitalen Lehren des Islams zu folgen.  Die empfänglichen Herzen begrüßten seine Botschaft.  Die Islamische Bewegung war eine weitgreifende Bewegung,  die alle Seiten des Lebens mit einbezog und eine tiefgehende Revolution in allen Inhalten und Werten des Menschen hervorrief.

 

 

 

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Oct 17, 2017 19:39 CET
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