Wir haben die ersten 9 Verse der Sure Ya Sin (Sure 36) besprochen und betrachten heute die nächsten drei. In den  Versen 10 und 11 heißt es:

(36: 10 - 12)    

 

وَسَوَاءٌ عَلَيْهِمْ أَأَنذَرْتَهُمْ أَمْ لَمْ تُنذِرْهُمْ لَا يُؤْمِنُونَ

„Und gleich ist es in Bezug auf sie, ob du sie warnst oder sie nicht warnst; sie glauben nicht.“ (36: 10)

 

إِنَّمَا تُنذِرُ مَنِ اتَّبَعَ الذِّكْرَ وَخَشِيَ الرَّحْمَـٰنَ بِالْغَيْبِ ۖ فَبَشِّرْهُ بِمَغْفِرَةٍ وَأَجْرٍ كَرِيمٍ

„Du kannst nur jemanden warnen, der der Ermahnung (dem Koran) folgt und (Gott) den Allerbarmer im Verborgenen fürchtet. So verkünde ihm Vergebung und trefflichen Lohn.“ (36: 11)

                                   

Die vorherigen Verse kündigten den  Ungläubigen und Götzenanbetern eine harte Strafe im Jenseits an. Die obige Stelle in der Sure Ya Sin weist nun indirekt auf den Grund für die Strafe hin, nämlich dass diese Leute sich gegen die Wahrheit auflehnten, so dass sie nicht bereit waren, dem Propheten und seiner bedeutungsvollen Lehre auch nur zuzuhören. Oder sie hörten nur mit halben Ohr zu und achteten nicht darauf, was auf genau dasselbe Ergebnis hinausging, wie wenn sie ihm überhaupt nicht zugehört hätten. Also war es gleich, ob der Prophet sie warnte oder nicht, denn sie hatten sich von Beginn an vorgenommen nicht zu glauben. Ihr Herz war wie ein harter Boden, in den Regen nicht eindringen und auf dem nichts wachsen und gedeihen kann.

 

Weiter heißt es in der obigen Koranstelle: Warnungen haben nur auf diejenigen eine Wirkung und nützen ihnen etwas, die bereit sind, die Mahnung zu akzeptieren und sich dementsprechend zu verhalten.  Die Verse des Korans enthalten alle gute Mahnung. Daher wird der Koran auch Zikr (Mahnung) genannt)  Auch ist der Prophet an mehreren Stellen im Koran  Muzakkir genannt wurden. Muzakkir ist jemand, der die anderen mahnt.

                        

Zum großen Teil sind der Sinn für die Religion  und Religionserkenntnis in der Fitra des Menschen verankert, nämlich in dem Ur-Wesen, das Gott ihm verliehen hat. Aber es gibt Faktoren, die den Menschen diese Wahrheiten vergessen lassen. Um  ihn  wieder an diese Wahrheiten und an seine natürlichen Kenntnisse von der Religion zu erinnern, hat Gott Propheten ausgesandt und Himmelsbücher  herabgesandt, um jeden, der auf der Suche nach der Wahrheit ist, rechtzuleiten und ihn vor dem Irrtum zu bewahren.

 

Jemand, der über die Botschaften, welche die Gesandten Gottes überbracht haben nachsinnt,  wird auch im Verborgenen an  Gott und Sein Wort denken und läuft weniger Gefahr Sünden zu begehen. Gott behandelt einen solchen Menschen mit gütiger Vergebung und reichlicher Belohnung.  Er verdeckt seine Sünden und vergilt seine guten Werke großmütig.

                          

Wir können uns merken:

Erstens: Alle Menschen müssen gemahnt werden. Aber die Mahnungen wirken nur auf jemanden, der bereit ist, einen guten Rat anzunehmen und nach der Wahrheit strebt.

Zweitens: Der Koran ist das Buch der Mahnung und der Erinnerung. Er soll die schlummernde wahre Natur des Menschen wachrütteln und ihn vor den Dingen schützen, die ihn unachtsam  und oberflächlich werden lassen.

Drittens: Erst deutliche und  verborgene Gottesfurcht ist Zeichen für den wahren Gottglauben.  Der äußere Schein ist noch kein Beweis.

Viertens: Diejenigen, die auf die Mahnungen der Propheten hören, werden Gottes Gnade erfahren. Ihnen wir das Paradies verheißen.

                            

Hier nun der Vers 12. In diesem steht Folgendes:

                                      

إِنَّا نَحْنُ نُحْيِي الْمَوْتَىٰ وَنَكْتُبُ مَا قَدَّمُوا وَآثَارَهُمْ ۚ وَكُلَّ شَيْءٍ أَحْصَيْنَاهُ فِي إِمَامٍ مُّبِينٍ

„Gewiss, Wir sind es, die Wir die Toten wieder lebendig machen. Und Wir schreiben auf, was sie vorausgeschickt haben und (auch) ihre Spuren. Alles haben Wir in einem deutlichen Verzeichnis erfasst.“ (36: 12)

                                                                           

Bei einer der wichtigsten Mahnungen der Propheten und der Himmelsbücher geht es um den Jüngsten Tag und die Abrechnung über die Taten des Menschen, d.h. der Mensch wird nach dem Tod in einer anderen Welt leben und über das befragt werden, was er getan hat. Damit er über alles befragt und ein Urteil gefällt wird, müssen natürlich sämtliche Taten im Leben aufgezeichnet werden.

 

Generell stehen in den juristischen Systemen der Menschen nur Gesetzesverstöße und Verbrechen zur Debatte und werden bestraft,  und dies auch nur, wenn diese Vergehen und ihre Folgen festgestellt werden.  Aber im Jenseitigen Gericht ist es anders. Dort müssen nicht nur alle über schlechte Taten Rechenschaft ablegen und eine Strafe hinnehmen, sondern es wird  auch über die guten Taten des Menschen geurteilt und diese Taten werden belohnt. Auch werden die Folgen der menschlichen Taten berücksichtigt, selbst diejenigen Folgen, die noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach seinem Tod weiterbestehen.

Angenommen jemand begeht einen Mord. Vor einem weltlichen Gericht wird die Strafe für dieses Vergehen verhängt. Unterdessen geraten die Ehefrau und Kinder des Mordopfers in zahlreiche Schwierigkeiten, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich und seelisch und sind noch viele Jahre lang von den Folgen der Mordtat betroffen. Doch werden diese Folgen in den heutigen Gerichtssystemen in der Anklage nicht oder nicht genügend berücksichtigt und der Mörder wird nicht für die Probleme, die er für die Hinterbliebenen des Opfers heraufbeschwört, bestraft. Aber in dem Gericht, in dem Gottes Gerechtigkeit herrscht – dem Jüngsten Gericht nämlich – werden die langfristigen Folgen der Taten des Menschen  auch bei der Festlegung des Strafmaßes beachtet.

                                 

Zur Hervorhebung der Aufzeichnung aller menschlichen Werke heißt es zum Schluss des Verses 12 der Sure 36, dass alles in einem verborgenen Verzeichnis erfasst wird, ohne irgendetwas auszulassen. Da im Jenseits dieses verborgene Verzeichnis allen Engeln Gottes, die mit der Bestrafung und der Belohnung der Menschen beauftragt sind, vorausgeht und Maßstab für die Bewertung der guten und schlechten Taten aller Menschen ist, wird dieses Verzeichnis im obigen Vers mit dem Wort „Imam“ bezeichnet – nämlich Anführer.

                        

Wir möchten abschließend noch drei Anmerkungen machen:

Erstens: Die Akte der Taten des Menschen liegt auch noch nach seinem Tod bis zu dem großen Ereignis des Jüngsten Tages  offen. Die Wirkungen seiner Taten, die  auch noch nach seinem Tod anhalten,  werden in dieser Akte verzeichnet.

Zweitens: Laut Islam ist der Mensch nicht nur für seine Taten, sondern auch für die Folgen seiner Taten für die Familie und die Gesellschaft verantwortlich.

Drittens: Das göttliche Gericht im Jenseits stützt sich nicht auf Verdacht und Mutmaßungen,  sondern auf genaues Belegmaterial, welches keinerlei Lücken aufweist.

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Mar 04, 2018 08:36 CET
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