Beim letzten  Mal haben wir über iranische Brokatstoffe gesprochen, die sich hier zarbaaf oder zari nennen und bei denen vergoldete Fäden verwendet werden.  Zari ist nicht nur wegen der Verwendung von Gold und Seide teuer, sondern auch wegen dem Schwierigkeitsgrad der Anfertigung.  Es werden für die Herstellung 5 bis 6 m hohe  Webstühle  benötigt.

 

Sie wissen vom letzten Mal, dass im Iran bereits vor Christus  zur Zeit der Achämeniden Brokat gewoben wurde. Die für die Muster auf einem goldenen, silbernen oder hellblauen Untergrund verwendeten  Farben waren  Blau, Hellrot, Braun, Weiß, Purpurrot, Hellgelb und Violett. Die Muster waren Kreise, Dreiecke, Blüten und Blätter oder parallele Linien. Aber auch geflügelte Löwen und Adler wurden abgebildet.

Die Ornamente von sassanidischen Brokatstoffen aus der Zeit nach Christus harmonierten völlig in Form und Farbe. Auch hier begegnen  wir wieder geometrischen Formen wie Kreisen aber auch Tierbildern, vor allem Vögeln,  Löwen, Elefanten, Kamelen, Pfauen und Adlern. Ein weiteres Motiv sind   Jagdszenen gewesen. Die Farben der sassanidischen Brokatstoffe reichen von hellem Blau und Grün bis zu Gelb,  Weiß und  Schwarz.

Die Seldschuken,  ein Herrschergeschlecht in der Islamischen Ära, welche nach dem Sturz der Sassaniden begann,  mochten lieber kontrastreiche Muster  mit Schwarz und Grün auf weißem oder roten Untergrund.  Die Brokatstoffe  wurden mit dem Wappen der iranischen Herrscher oder mit Familienwappen geschmückt sowie mit den vorher üblichen Tierbildern wie Adler, Pfau und Löwe versehen. Ebenso dienten Medaillons oder Achtecke als Motiv. Die Abbildung von grünen Büschen, Enten oder Gänsen war ebenso beliebt. Die Brokatweber der Seldschuken- Epoche ahmten  romantische Landschaftsbilder aus der damaligen Malerei nach.

                                  

In der Epoche der Safawiden haben die Brokatweber für die Ausschmückung ihres kostbaren Tuches Szenen von Prinzen und der Jagd aus dem Schahnameh – dem Buch der Könige - des Eposdichters Ferdowsi entnommen. Ebenso bildeten sie Szenen aus der Geschichte Leili wa Madschnun von dem Dichter Nezami Gandschabi ab, oder sie wählten Bilder von Blumen und Tieren und Islimi-Blüten- und Blätterornamente.

Die bevorzugten Farben waren mehrere Blautöne (unter anderem Türkisblau, Almasi und Nili) Dunkelgrün und  Zitronengelb , blasses Zimtrot, Grün, Orange, Schwarz und Weiß, Creme, Dunkelblau und  Dunkelbraun, Dunkelviolett und Rosa.

Nur Könige und Minister und  die Vornehmen zum Königshofe trugen Gewänder aus Brokat. Brokat wurde auch von den iranischen Königen als kostbares Geschenk den Herrschern anderer Länder überreicht.  Dieser Stoff gelangte auf verschiedenen Wegen in den Westen. Zum einen auf dem üblichen Handelsweg aber auch durch die Kreuzzüge.  Die Kreuzritter nahmen iranische Stoffe aus Palästina mit nach Europa. Sie waren für sie etwas so Kostbares, dass sie teure Gegenstände der Kirche in sie einwickelten. Einige Christen benutzen sogar  den Brokatstoff als Leichentuch. Andere verkauften die erbeuteten Brokatstoffe und wurden reich.

 Anfangs wussten die Europäer gar nicht aus welchem Land diese legendären Stoffe stammten. Sie hatten nur gehört, dass sie aus dem Orient kommen. Doch mit der Zeit erfuhren sie,  dass es sich um  iranisches Kunsthandwerk handelt.

Die bekanntesten Webzentren zur Zeit der Safawiden waren die Städte Kaschan, Isfahan, Yazd, Hirat, Tabris, Rascht, Maschhad, Qum und Saveh.  Einen besonderen Ruf für edle Stoffe verschafften sich jedoch die Weber von Kaschan, Yazd und Isfahan in Zentraliran.
                                 

Wie die Geschichte belegt, waren die Brokatstoffe zurzeit des Safawidenkönigs Schah Abbas der Erste die allerschönsten. Sie waren mit Szenen aus dem Schah Nameh bebildert oder trugen Reime bedeutender Dichter. Beliebt war auch die Abbildung von Prinzen bei der Jagd oder ein Ornament namens Boteh Schah Abbasi – eine stilisierte Blüte, die auch auf Teppichmustern vorkommt.  Ebenso  war es üblich, Rehe, Hasen und Löwen abzubilden oder Bäume  wie die Zypresse und Ulme. Auch schönes Arabesken-Design war gefragt.  

Das herausragende Merkmal  der Webkunst zur Zeit der Safawiden im Vergleich zu anderen Epochen war vielleicht ihre große Nähe zur Malerei. Die Entsprechung der Muster auf  dem damaligen Brokat mit  den Werken der Gemäldekunst  ist deutlich zu erkennen, selbst  was die Farben anbetrifft.  

Die Safawiden pflegten nahe Beziehungen zu den Mogulen in Indien. Die  Künstler beider Reiche standen eng in Kontakt miteinander und beeinflussten sich gegenseitig.  Wir finden daher auch bei Textilien wie Brokat gemeinsame Ursprünge. Die Bilder auf indischen Stoffen und Inschriften am Rande sind sehr abwechslungsreich. Diese Muster entstanden, wie die Forschung nachweist,  unter dem Einfluss iranischer  Muster.

                                           

Für das Weben von Brokat wird Naturseide benötigt.  Für die Kette werden höchsten zweifarbige Fäden und für den Schuss höchstens sechsfarbige Fäden verwendet und ein Teil der sehr dünnen Fäden müssen vergoldet oder versilbert werden.  Die Kunst besteht nun darin, mit den wenigen Farben eine Augenweide  hervorzuzaubern.

Als erstes wird  das Muster entworfen und am Webstuhl aufgetragen und dann muss der Webstuhl mit den feinen Kettfäden bespannt werden. Die Seide muss zudem gekämmt werden.

 In der Webstube für Brokat gibt es zwei Arten von Webstühlen.  Einer davon ist kastenförmig wie der  Jacquard-Webstuhl, der andere ist nicht kastenförmig.  Mit beiden Webstühlen lassen sich drei verschiedene Brokatstoffe weben, die sich auf Persisch:   Zarbaaf Atlasi bzw. Zarbaaf Darai oder  Atlasi wa Darai nennen. Normalerweise arbeiten zwei Personen am Webstuhl, ein Meister und ein Lehrling. Der Lehrling bedient die Vorrichtung, welche dem Meister das Webmuster zeigt.  

Es wird nur die beste Naturseide verwendet.  Wichtig sind auch die versilberten und vergoldeten Fäden, Golabtun genannt.  Diese Golabtun verleihen dem Brokat seinen Glanz und machen ihn so teuer.  Golabtun ist der Name für sehr  feine Seidenfäden mit einem goldenen oder silbernen Belag.  Man unterscheidet iranische und nicht-iranische. Die nichtiranischen kommen  aus Indien und die iranischen werden nur in Isfahan angefertigt.  Sie werden nach ihrem Durchmesser unterschieden.

 Für die Färbung der Seide werden fast nur pflanzliche Mittel benutzt wie Blätter, Wurzeln, Blüten, Früchte und Schalen, zum Beispiel die Schale der Walnuss, die Wurzeln des Färberkrapps, Gelbwurz, Granatapfelschalen, Safran und Blätter des  Sumaq-Gewächses. 

Brokat ist ein haltbarer Stoff, aber er ist nicht bequem zu tragen.  Prachtgewänder aus diesem Stoff haben sich die einfachen Bürger nie leisten können.  Sie brauchten auch keine solchen Stoffe für ihre Selbstdarstellung. In Wahrheit  sollte ja auch der Wert eines Menschen nicht daran gemessen werden, wie kostbar der Stoff ist, aus dem sein Gewand angefertigt wurde.

Die iranische zeitgenössische Dichterin Parwin Etesami (1906 – 1941) reimt:

 

Was nützt der Glanz des Brokatgewands und glitzerndes Geschmeide

wenn das   Gesicht vermissen lässt den schönen Teint der Tugend?

O Parwin! Nicht bunte Diamanten, sondern die Perlen des Wissens sind`s

die zieren Hals und Hände einer würdigen Frau! 


چو آب و رنگ فضیلت به چهره نیست چه سود
ز رنگ جامه زربفت و زیور رخشان
برای گردن و دست زن نکو ، پروین
سزاست گوهر دانش، نه گوهر الوان 
 

 

 

 

 

Apr 12, 2018 03:58 CET
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