• Spirituell gesund (15)

Es gibt einen wichtigen Faktor für die Steigerung der spirituellen Gesundheit und der Nähe zu Gott. Diese Größe ist die Offenbarung.

   

Wir haben im letzten Teil von der Annäherung an Gott gesprochen und gesagt, dass sie wichtigstes Kriterium für die spirituelle Gesundheit  ist. Auch sagten wir, dass die Einstellungen, Neigungen und Handlungen dem Menschen zum wahren inneren Wachstum verhelfen, wenn sie auf Gott ausgerichtet sind. Eine wichtige Angelegenheit, auf die der Mensch achten muss, um an wahre Vollkommenheit zu gelangen, ist die Offenbarung. Doch bevor wir mehr dazu sagen ist der Hinweis notwendig, dass das Bedürfnis des Menschen nach Offenbarung nicht nur Angelegenheiten wie das Wissen über die Situation im Jenseits sowie  Einzelheiten über das Gott-Dienen wie das tägliche Ritualgebet und das Fasten im Monat Ramadan betrifft. Vielmehr  muss ein Gläubiger allen seinen persönlichen und sozialen Handlungen das Kriterium der Offenbarung zugrundlegen. Um an höchstmögliche Vollkommenheit zu gelangen, muss er sich in Fragen der Durchführung seiner Handlungen an den wenden, der das göttliche Gesetz überbracht hat.  Daher verspürt ein Muslim, der spirituell gesund sein möchte, das Bedürfnis  nach den Lehren der Offenbarung, denn ein Teil des religiösen Wissens und der religiösen Wahrheiten wurden ausschließlich durch die Offenbarung Gottes den Menschen vorgestellt  und die menschliche Vernunft und Kenntnis reichen in diesem Bereich nicht als Wegweiser aus.

 

Manchmal muss der Mensch sehr viel Zeit aufwenden, um eine Wahrheit zu begreifen.  Das kann dazu führen, dass es zu spät wird und er  keine Gelegenheit mehr findet, entsprechend seiner Erkenntnis  zu handeln. Es kommt oft vor, dass er dabei einen Schaden erleidet, der nicht wieder rückgängig zu machen ist.  Von einigen Dingen kann sich der Mensch erst dann mit eigenen Augen überzeugen,  wenn das flüchtige Diesseits hinter ihm liegt, nämlich Dinge wie die besonderen Zustände im Jenseits,  die Einzelheiten über das jenseitige Glück oder Unglück und die Rolle, die jede irdische Tat für das Ewige Schicksal des Menschen spielt.  Wenn er schließlich im Jenseits die Tatsachen konkret vor sich hat,  wird er keine Gelegenheiten mehr zur Verfügung haben, etwas für sein Seelenheil zu tun und sich vor dem ewigen Schaden und dem Unheil zu retten.

 

Einige Wahrheiten, die sich auf die Seligwerdung des Menschen auswirken, können  auf rationalem Wege erkannt werden. Ihre Erkenntnis ist aber nur bei schwierigen und sehr detaillierten  Untersuchungen und das auch nur für  eine kleine Zahl von Menschen möglich und es dauert lange, bis diese Menschen sie  gewonnen haben. Der Mehrheit der Menschheit aber bleiben die Erkenntnis auf diesem Wege verwehrt und die meisten können auf diese Weise nicht an ihr Seelenheil gelangen.

Ein wichtiger und einmaliger Zweck der Offenbarung ist daher der,  dass diese Wahrheit  in einfacher und verständlicher Sprache  für alle vorgelegt wird, damit alle durch Wahrung der spirituellen Gesundheit an die Ewige Seligkeit gelangen können. 

 

Étienne Gilson, ein französischer Philosoph,  schreibt bei seiner Erklärung der Philosophie des italienischen Dominikaners Thomas von Aquin:

„Hält Gott es für angebracht die philosophischen Wahrheiten, welche die Vernunft akzeptiert,  durch die Offenbarung den Menschen mitzuteilen? Die Antwort lautet: Immer wenn diese Wahrheiten  zu den Dingen gehören, deren Kenntnis für die Rettung der Menschheit nötig ist, wird eine solche Mitteilung erfolgen.  Wäre es anders, dann würden diese Wahrheit und die von ihr abhängige Rettung nur  für eine geringe Anzahl von Menschen erreichbar sein und die anderen müssten dieses Segens entbehren, ob  nun wegen Mangel  an dem natürlichen Licht der Vernunft, oder auch wegen Mangel an freier Zeit und Gelegenheit, zu diskutieren und  Erfahrung zu sammeln, oder sei es deswegen, weil sie sich kein Studium und die Nachforschung zutrauen.  Außerdem haben diejenigen, die  in der Lage sind, diese Wahrheiten kennenzulernen, auf diesem Wege viel Mühe auf sich genommen und in ihrem Leben viel Zeit dem Nachdenken gewidmet und dabei meistens in einer Unwissen zugebracht, die gefährlich werden konnte.“

Zu dem Nutzen der Offenbarung gehört es, den Verstand des Menschen zu entfalten und ihn davor zu retten, dass er Opfer von Faktoren wird, die ihn wankelmütig machen, oder abweichen lassen oder ihn behindern. Der islamische Gelehrte  Motahhari schreibt hierzu:

„Der Geist des Menschen macht in vielen Fällen Fehler. Dies wissen wir alle. Natürlich ist es nicht nur mit dem Verstand so, sondern auch unsere Sinne können Fehler und Irrtümer begehen.  So gibt es zahlreiche Irrtümer, die das Auge begeht. Was den Verstand betrifft, so passiert es öfters, dass der Mensch sich eine Argumentation zurechtlegt und aufgrund dieser einen Rückschluss zieht, aber später feststellt, dass diese Argumentation von Grund auf falsch war.“ 

 

Ein weiterer wichtiger Punkt für die spirituelle Gesundheit ist die Beachtung aller Möglichkeiten und Fähigkeiten im Besitz des Menschen. Uns ist ja bewusst, dass Gott weise ist und sich hinter all Seinem Tun ein Sinn verbirgt. Keine der Fähigkeiten und Möglichkeiten, die Gott dem Menschen  mitgegeben hat, sind daher  überflüssig oder sinnlos, vielmehr verhelfen sie  alle, wenn sie richtig genutzt werden, dem Menschen zur wahren Vervollkommnung. Deshalb hat jemand, wenn er um an  Vollkommenheit zu gelangen zum Beispiel seinen Geschlechtstrieb unterdrückt,  in Wahrheit die weise Absicht, die Gott mit Seiner Schöpfung verfolgte,  ignoriert.

Als eine Gruppe von Getreuen des Propheten (Gottes Segen sei auf ihm und Friede seinem Hause) sich schworen, am Tag zu fasten und in der Nacht bis zum  Morgen nur zu beten, keinen Duftstoff mehr zu verwenden, Kleidung aus rohen Stoff zu tragen und auf Fleisch zu verzichten, erklärte ihnen der Prophet Gottes: „Wer dies tut, der hat sich von meiner Sunna (Vorgehensweise) abgewendet und wer sich von meiner Vorgehensweise abwendet, gehört nicht zu mir."

Der Mensch soll also nicht im Streben nach einer höheren spirituellen Stufe  einseitig werden, sondern ein richtiges Handeln erfordert, dass  er auf alle vier Arten der richtigen Beziehungen achtet, nämlich die Beziehung zu Gott, zu sich selber, zu den Mitmenschen und zu der Natur beachtet.  

 

 

 

Mai 18, 2018 08:39 CET
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