•  Iranisches Kunsthandwerk (54 - aus Leder)

In diesem Teil unserer Reihe „iranisches Kunsthandwerk“ wenden wir uns der Geschichte der  manuellen Anfertigung von Lederwaren zu.

 

 

Im Jahre 1992 entdeckten Arbeiter in einem Bergwerk nahe der Stadt Sandschan (Zanjan - westlich von Teheran)  beim Abbau von Salz den Oberkörper einer Leiche. Sie hatte lange Haare, einen langen Bart und trug einen goldenen Ring am Ohr.    Dieser Entdeckung folgten weitere Untersuchungen des Gebietes. Man fand ein Bein in einem Lederstiefel, drei Messer, eine kurze Hose, Silbergestände, Stücke von Lederriemen, eine Walnuss, Tonscherben und einige gemusterte Stofffetzen sowie Knochenstücke.  Die erste Leiche,  die man in diesem Bergwerk nahe bei Sandschan fand und weitere Leichen wurden als „Salzmänner“ bekannt. Diese Salzmänner stammen aus dem Zeitraum 400 vor Christus bis 7. Jahrhundert nach Christus (nämlich die Zeit der Achämeniden bis zur Zeit der Sassaniden)

Archäologen haben die Fußbekleidung untersucht, die man bei einem dieser Salzmänner gefunden hat.

Das Schuhwerk des Salzmannes von Sandschan ist aus  Kuhleder und wurde mit feinem Schafsdarm genäht. Dieser Stiefel, der wie ein Reitstiefel aussieht,  ist  wasserdicht und entspricht einer heutigen Schuhgröße von 42. Die Länge des  Stiefelschafts beträgt 48 cm.  Das Leder ist ausgesprochen weich und, obwohl es alle Feuchtigkeit verloren hat,  nicht brüchig und trocken. Das Leder wurde mit pflanzlichen Mitteln gegerbt.  Die Zehenkappe ist wie bei einem modernen Stiefel   gewölbt. Alles deutet darauf hin,  dass dieses Schuhwerk aufgrund von vorheriger genauer Überlegung angefertigt worden ist.

Der Schuh des Salzmannes von Sandschan war nicht gefüttert und deshalb passte er sich genau – ähnlichen einem Strumpf - der Form des Fußes an. Wahrscheinlich hat sein Träger auch in diesen Stiefeln nicht geschwitzt.  Diese Art von Schuhwerk schützt nämlich nicht nur vor  Kälte sondern auch  vor Wärme.  Der Stiefel des Mannes,  den man bei  Sandschan in einem Bergwerk gefunden hat,  ist nicht nur historisch sondern auch  ergonomisch gesehen interessant.  

Untersuchungen zeigen, dass man sich im antiken Iran sehr gut auf die Anfertigung von Schuhen verstand. Im „Buch der Könige“ des weltbekannten iranischen Dichters Firdausi heißt es, dass ein iranischer Schuster zur Zeit des Sassanidenkönigs Anuschirwan (Chosrau I) ankündigte, er sei bereit das Haushaltsdefizit für die Armee zu zahlen, falls man seinen Sohn  an dem besonderen Lehrgang für Prinzen teilnehmen lässt. Allerdings wurde ihm das nicht gestattet. Aber daran ist zu sehen, dass das Schustern in jener Zeit ein einträgliches Handwerk gewesen sein muss.

Im antiken Persien wurden Schuhe aus Gewebe, Leder, Rinde, Holz und Knochen angefertigt. Es galt als verpönt, barfuß zu laufen und als Sünde, wenn jemand für sich und seine Familie kein Schuhwerk besorgte.  Die Reiter, die dem Heer des Königs voran ritten und das Banner trugen, hatten goldfarbene Schuhe an den Füßen, die aus vergoldetem Garn waren.

 Charoq, Tschumusch und Giweh sind die Bezeichnungen von  traditionellen Arten von Schuhwerk, die heute meist nur noch  als Ziergegenstände verwendet werden.

Die Felsenreliefs auf   der Burganlage  Persepolis der Achämeniden deuten auf eine Vielfalt von Schuhwerk in dieser Zeit  vor Christus hin.   Schuhe gehörten zu den Geschenken, die zum Noruzfest, dem antiken Neujahrsfest,  dem König überbracht wurden. Zum Noruzfest war es Sitte neue Schuhe anzuziehen.  Auch das Schuhwerk zur Zeit der Safawiden (16. – 18. Jahrhundert nach Christus) war abwechslungsreich. Es gab Reitstiefel und Schuhe mit Schnürsenkeln oder ohne, Schuhe, die an der Ferse offen waren, Schuhe mit und ohne Absatz.  Schuhwerk gab es  in verschiedenen Farben und mit verschiedenen Mustern.

Übrigens ziehen die Iraner  beim Betreten eines Hauses immer die Schuhe aus. Es ist eine gute Sitte, Teppiche nicht mit Schuhen zu betreten. Moscheen betritt erst recht keiner mit Schuhen an den Füßen. Am Moschee-Eingang gibt es Regale  zum Abstellen der Schuhe oder eine Schuhabgabe.  Im Heiligen Koran steht  in der Sure Taha im Vers 12 dass Gott zu seinem Propheten Musa (Moses – gegrüßet sei er) gesagt hat: „Gewiss, Ich bin dein Herr, so ziehe deine Schuhe aus. Du befindest dich im geheiligten Tal uwā.“

 

Leder wird durch Gerben von Tierhäuten gewonnen.  Durch das Gerben wird die rohe Tierhaut vor dem Verderben geschützt.  Es werden die Häute von Kühen, Schafen, Haien, Schlangen Eidechsen und Krokodilen zu Leder verarbeitet. Die Verwendung von Leder ist so alt wie die Menschheitsgeschichte.  Die ersten Menschen haben aus Tierhäuten Beutel zur Aufbewahrung von Wasser und später Zelte,  Bettlager und Unterlagen,  oder auch  Kampfschilder und Zaumzeug und natürlich Schuhe angefertigt.   Wie archäologische Funde belegen, ist die Verwendung von Leder älter als die Webkunst. Dennoch hat sich bis heute nicht viel an der Gerbtechnik von Tierhäuten geändert.  Im Iran hat man erst seit einigen Jahren neue Gerbtechniken eingeführt und bis dahin sich der alten traditionellen Methoden bedient.   Der arabische Geograf Ibn Hauqal, der 950 nach Christus Chorassan im Nordostiran besuchte, lobte in seinen Aufzeichnungen das feine Ziegenleder, welches die Gerber in der Gegend von  Merw anfertigten. Er berichtet, dass das Leder aus dieser Gegend in alle Gebiete des Landes und sogar in andere Länder verschickt wurde.

Der französischen Weltreisende Jean Chardin  erklärt über die Ledergewinnung im Iran zur Zeit der Safawiden: „Es ist ein Handwerk, welches die Iraner meisterhafter als alle anderen beherrschen.“  Chardin beschreibt ausführlich das „Saghari-Leder, welches die Iraner im 17. Jahrhundert nach Christus nach Indien und in den Nahen Osten ausführten.

 

Auch heute noch spielt Leder eine wichtige Rolle bei Kleidung,  Schuhwerk, Taschen  und bei Schmuckgegenständen. Üblich ist das Gerben von Leder auf traditionelle Art und Weise (Saradschi), die traditionelle Anfertigung von Buchumschlägen aus Leder, die Kunst des  Einbrennens von Mustern auf Leder und das Bemalen von Leder,  Mosaikarbeiten mit Leder, die Sattel-Anfertigung oder die Herstellung und Verzierung  von Gegenständen mit Leder  und die Herstellung von Ledertaschen -  dies sind alles Bereiche des heutigen iranischen Leder-Kunsthandwerkes. Wer mit Leder arbeitet muss nicht nur die Eigenschaft von Tierhäuten kennen sondern auch künstlerisch begabt sein. Natürlich ist das Nähen von Lederschuhen und Lederkleidung  auch ein wichtiger Bereich dieses Handwerkes. Mehr über die Gewinnung von Leder und seine Verwendung erfahren Sie beim nächsten Mal.

 

Jul 26, 2018 04:29 CET
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