Oct 20, 2019 13:02 Europe/Berlin

Die Sicherheitslage in Afghanistan ist auch gut 18 Jahre nach der US-Invasion prekär. Dennoch wurden dort vor kurzem Präsidentschaftswahlen abgehalten. Christoph Hörstel, unser langjähriger Interview-Partner, war vor kurzem dort. Wir fragten ihn, welche Eindrücke er mit nach Deutschland genommen hat.

Afghanistan zählt noch immer die Stimmen des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl vor drei Wochen aus - und die offiziellen Ergebnisse lassen Fürchterliches ahnen: Vor zwei Wochen hieß es, 2,7 Millionen Stimmen seien ordnungsgemäß registriert, vor einer knappen Woche waren es noch ganze 1,7 Millionen.

Schätzungen der Landbevölkerung aus 2018 gehen von 35 Millionen aus. Dann müsste es mindestens etwa 17 Millionen Wahlberechtigte geben - und 1,7 Millionen Stimmen wären ganze 10%! Allein die bereits registrierten Rechtsverstöße müssen erschüttern: Gesetzlich stimmberechtigt sind Exil-Afghanen in Pakistan, Iran und EU - diese Wähler hatten jedoch bei dieser Wahl - anders als zuvor - keine Gelegenheit, ihre Stimmen auch ordentlich abzugeben, etwa 5-8 Millionen Stimmen. Nicht gesetzlich stimmberechtigt sind grundsätzlich Wähler mit Wohnsitz in den von den Taliban beherrschten Gebieten - das erscheint ungerecht und problematisch. Hinzukommen vielfach bezeugte Massen von Wahlfälschung und Stimmenkauf, jeweils mindestens eine Million, vielleicht sogar 2-3 Millionen - das hat in Afghanistan traurige Tradition. Damit jedoch ist in der Summe nicht mehr zu leugnen: Afghanistan ist nach 18 Jahren blutiger Unterdrückung durch die Nato ein gescheiterter Staat - und die Entwicklung in dieser Zeit legt den Schluss nahe, dass die Nato unter Washingtons Führung eher an erfolgreicher Unterdrückung als an Recht, Ordnung und freier Selbstbestimmung der afghanischen Bevölkerung interessiert war und ist. Der Bundesvorsitzende der Neuen Mitte, Christoph Hörstel, hat in der zuende gegangenen Woche vier Tage in Kabul verbracht, als Gast des vermutlich siegreichen Präsidentschaftskandidaten Gulbuddin Hekmatyar, Gründer und Chef der Islampartei, Heb-i Islami - mit ihm verbindet Hörstel eine fast 35-jährige Freundschaft. Hörstel sprach auch mit dem früheren Gouverneur und jetzigen Vizepräsidenten der Friedensjirgah, Haji Din Mohammad, sowie anderen gut informierten und international bekannten Persönlichkeiten. Hörstel bewegt sich seit 1985 immer wieder in Afghanistan und hat zwischen 2007-2010 drei Bücher über Afghanistan und Pakistan in Deutschland und Iran veröffentlicht. Seyed Hedayatollah Schahrokny sprach mit ihm über seine Eindrücke.  

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