Nov 23, 2019 12:18 Europe/Berlin

Der Irak ist erneut wegen der blutigen Auseinandersetzungen der letzten Wochen und Monate in den Mittelpunkt der internationalen Politik gerückt. Willy Wimmer, CDU-Politiker Staatsminister a. D, meint, dass der Irak, und die gesamte Region ein zentrales Schlachtfeld ist.

ParsToday: Herr Wimmer, im Irak gibt es seit einiger Zeit Dauerdemonstrationen. Fast täglich gehen die Menschen auf die Straße und stellen Forderungen, aber die Forderungen ändern sich fortlaufend. Sie kennen die Situation im Irak, deshalb möchte ich Sie darum bitten,  uns Ihre Wahrnehmung darüber mitzuteilen.

Wimmer: Seit dem völkerrechtswidrigen Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Irak, ist der Irak ein Spielball globaler Interessen. Das muss man mit allem Nachdruck sagen. Und diese Interessen werden auf dem Rücken der irakischen Bevölkerung ausgetragen. Und wir wissen ja, dass die irakische Bevölkerung nicht nur glaubensmäßig, sondern auch stammesmäßig sehr tief gespalten ist. Vor diesem Hintergrund sind die Ereignisse im Irak wirklich  tragisch zu nennen. Das waren sie ja auch schon vor dem Angriff der Vereinigten Staaten auf dieses Land. Aber es ist alles nur noch sehr viel schlimmer geworden. Und die ganze Region ist ja insoweit in Mitleidenschaft gezogen worden. Und das wird auf den Straßen von Bagdad,  Basra und den anderen Städten ausgetragen. Und es ist kein Ende absehbar. Die irakische Regierung selber trägt ja dazu bei, die Wut der Menschen noch zu steigern. Die große Zahl von Getöteten auf den Bagdader Straßen macht ja deutlich,  mit welcher Auseinandersetzung wir es hier zu tun haben. Und es gibt kein Signal der Hoffnung, dass sich das etwas ändern kann.

 

ParsToday: Herr Wimmer, wer sind die Protestler. Früher gingen Anhänger bestimmter Gruppen auf die Straße und demonstrierten für oder gegen etwas. Das ist heute nicht mehr der Fall. Es scheint, dass jetzt ein gemeinsamer Nenner da ist. Jetzt werfen fast alle Gruppen der Regierung Korruption, Misswirtschaft usw. vor. Dazu würde ich gerne Ihre Ansicht hören.

Wimmer: Ja, man muss ja davon ausgehen, dass die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Irak seit dem amerikanischen Angriff auf dieses Land, dass die nicht besser geworden sind, sondern das Land hat sich ja in weiten Teilen aufgelöst und muss trotzdem zusammenarbeiten. Und in einer solchen Situation entwickeln natürlich auch die Regierung Kräfte und stützt sie, die nicht auf eine ordnungsgemäße Verwaltung dieses Landes ausgerichtet sind. Das ist das Eine. Das Zweite: durch die lange Zeit des Leidens ist natürlich auch die irakische Bevölkerung atomisiert. Und sie können in einer solchen Situation mit den Menschen eigentlich machen, was sie wollen, weil die Menschen in dem Sinne keine Hoffnung mehr haben und das auf den Straßen auch austragen. Die festgefahrenen  Auseinandersetzungen, die wir nach dem amerikanischen Einmarsch im Irak gesehen haben, die gibt es ja auch nicht mehr. Und das ist ein Ausdruck dafür, dass dieses Land in einer tiefen existentiellen Krise ist, und natürlich damit auch die gesamte Nachbarschaft einbezogen wird.

 

ParsToday: Herr Wimmer, das Land ist eigentlich reich genug, um Arbeitsplätze zu schaffen und Dinge für das Wohl der Menschen zu machen. Woran liegt es, dass nichts in dieser Richtung unternommen wird.

Wimmer: Ja, weil diejenigen,  die in den Machtpositionen sitzen, an sich und ihre Freunde denken und nicht an das irakische Volk. Sie sagen ja zurecht, dass dieses Land eigentlich aus sich selbst heraus ein reiches Land ist. Und wenn man heute das Elend in Irak sieht, dann fragt man sich natürlich, warum wird der Reichtum nicht für den Aufbau des Landes und das Leben der Menschen genutzt, sondern fließt auf Konten in der Schweiz, in Großbritannien oder auf irgendwelchen Karibikinseln. Das ist doch der Weg der Dinge und das macht deutlich, was die Vereinigten Staaten mit ihrem Krieg gegen den Irak eigentlich alles angestellt haben. Denn das ist die eigentliche Verantwortung für die heutige Entwicklung.

 

ParsToday: Herr Wimmer, sehen Sie überhaupt eine Möglichkeit, das Land aus der gegenwärtigen Krise zu führen?

Wimmer: Sehe ich nur dann - und das ist eine Hoffnung, die sich - glaube ich - nur schwer realisieren lässt - nur wenn die regionalen Mächte, die in der ganzen Region ineinander verbissen sind und an allen möglichen und unmöglichen Ecken Krieg gegeneinander führen, wenn die der Auffassung sind, dass diese Kriege einmal beendet werden müssen, weil sonst vom Nahen und Mittleren Osten nichts mehr übrigbleiben wird, wie das für andere Teile der Welt auch gilt. Wir leben in einer Auseinandersetzung, die von einem Dauerkrieg an möglich vielen Ecken der Welt geprägt ist. Und da ist der Irak, und da ist die gesamte Region ein zentrales Schlachtfeld. Und dieses Schlachtfeld kann nur beendet werden, wenn der Blutzoll so hoch geworden ist, dass die Mächtigen nicht anders können oder wenn Einsicht herrsch, dass man es miteinander versuchen muss, weil sonst die ganze Region ins Elend geht.

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Geführt von: Seyed-Hedayatollah Shahrokny

 

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