Feb 23, 2021 14:16 Europe/Berlin

Abu Baschir, ehemaliger syrischer Oppositioneller, sagt, viele in Syrien hätten, bevor die IS-Miliz in seinem Land auftauchten, gedacht, dass Baschar Asad an allen Problemen schuld sei und gehen müsse. Er führt diesen Irrtum  auf die weitgehenden Agitationen der Gegner von Baschar Asad im In- und Ausland zurück.  

 

                      

Vor circa 10 Jahren ereigneten sich in mehreren arabischen Staaten Aufstände gegen autoritäre Herrscher. Sie  hinterließen weitgehende Folgen in der arabischen Welt und in Westasien.  Die Volksproteste begannen in Tunesien, wo der autoritäre Staatspräsident Zine el-Abidine Ben Ali gestürzt wurde. Bald darauf wurden Husni Mubarak, der ägyptische Herrscher auf Lebenszeit, Muammar Gaddafi, der fast 4 Jahrzehnte lang in Libyen die Macht in der Hand hatte, und der fremdabhängige jemenitische Staatspräsident Ali Abdullah Salih vom gleichen Schicksal ereilt.  

Die westlichen Regierungen waren über diese plötzlichen und schnellen Entwicklungen in Sorge versetzt und verspürten Gefahr für sich. Daher haben sie mittels Einmischung diese Revolutionen von ihrem ursprünglichen Weg abgebracht. Bei einigen Ländern wie Bahrain und Saudi Arabien und Jordanien haben  sie tatkräftig die herrschenden autoritären Regierungen unterstützt und bei  anderen Ländern haben sie die Proteste auf andere Staaten umgelenkt, darunter nach Syrien.

 

 Die Volksproteste in Syrien wiesen jedoch einen grundsätzlichen Unterschied zu den Aufständen in anderen arabischen Staaten auf. In Syrien herrschte ein System, welches die westliche Politik ablehnt  und Gruppen unterstützt, die gegenüber der böswilligen Politik der USA und des zionistischen Regimes Widerstand leisten. Daher haben die westlichen Staaten und die autoritären arabischen Herrscher sowie einige andere regionale Regierungen, wie die türkische, Anfang 2011 mit allen ihren politischen, propagandistischen und militärischen Möglichkeiten ihre Einmischung  in Syrien begonnen - angeblich zur Verteidigung der Rechte und Freiheit der Bevölkerung von Syrien. Sie haben durch Unterstützung von bewaffneten ausländischen Gruppen, insbesondere der IS-Terrormiliz, eine große Tragödie für die syrische Nation heraufbeschworen.

Abu Baschir, ehemaliger Oppositioneller der Regierung von Baschar Asad, ist eines der vielen Opfer dieser schrecklichen Ereignisse geworden. In seinem Bericht über diese Tragödien,  klingt Kummer und Reue mit.

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Abu Baschir ist circa 60 Jahre alt und lebt in Damaskus, der syrischen  Hauptstadt. Er bestreitet den Lebensunterhalt für  Frau und vier Kinder als Landwirt.  Über den Beginn der Proteste der Regierungsgegner in Syrien berichtet er wie folgt: 

„Die Menschen in Syrien, darunter auch ich, sind - bevor die IS-Bande auftauchte - einer Täuschung zum Opfer gefallen und wir haben infolge der breitangelegten Propaganda im In- und Ausland  den falschen Schluss gezogen, dass Baschar Asad und seine Regierung an allem Leid der syrischen Bevölkerung schuld sei und dass er, egal wie,  gehen müsse.  Unter der syrischen Bevölkerung wurden zahllose Nachrichten und Botschaften in Umlauf gebracht, dass Baschar Asad ein Diktator sei und bestimmt gehen müsse. Wenn er ginge, würde Syrien gerettet. Die Zahl der Gegner des Systems von Baschar Asad wuchs von Tag zu Tag und es fanden Fußmärsche und Sitzstreike statt. An einigen der Fußmärsche habe ich teilgenommen und ich habe auch meine Kinder angespornt, dass sie gegen Baschar Asad werben  und überall sagen sollen: „der syrische Diktator muss gehen“. Mit der Zeit gab es immer mehr Sitzstreike und Proteste und ich kann mich erinnern, dass es in der Stadt Homs zu den ersten gewaltsamen Kundgebungen gegen die Regierung von Baschar Asad kam. Die Bewohner von Homs kamen auf die Straße und die Militärkräfte von Baschar Asad hatten sich versammelt, um sie unter Kontrolle zu bringen. Es fielen Schüsse und einige wurden getötet und verletzt,  und ab diesem Tag verliefen die Proteste der syrischen Bevölkerung und der Asad-Gegner blutig, aber keiner ahnte etwas davon, was sich in der Zukunft abspielen würde.“

  

Missbrauch islamischer Losungen seitens der IS-Terroristen

 

Abu Baschir berichtet, dass die Regierungsgegner sich bewaffneten und einige Gebiete Syriens besetzten.  Mit der Zeit sahen sie sich  immer mehr ungebetenen Gästen aus anderen Ländern  gegenüber, die behaupteten sie im  Kampf gegen Baschar Asad unterstützen zu wollen. Diese Leute waren vor allen Dingen  die IS-Terroristen. Abu Baschir sagt, sie gaben islamische Parolen aus und behaupteten, sie wollten die syrische Bevölkerung aus der Hand von Baschar Asad und seiner Diktatur retten. Abu Baschir berichtet über die Reaktion der syrischen Oppositionellen auf das Eintreffen der IS-Terrormiliz wie folgt:

„Anfangs freuten wir uns darüber, dass die IS-Leute gekommen waren, denn unser einziger Wunsch bestand in dem Sturz der Regierung von Baschar Asad  und der Bildung einer neuen Regierung und die ISIS hatte dies der syrischen Bevölkerung versprochen.  Jeden Tag waren die syrische Städte Zeuge von Auseinandersetzungen und Morden und die ISIS haben, unterstützt von der  Bevölkerung und von den Gegnern Baschar Assads,  die Städte und Dörfer in Syrien nacheinander besetzt. Sie machten gute Fortschritte und wir freuten uns.“

Abu Baschir war so erfreut über die erzielten Erfolge, dass er zusammen mit seiner Familie in die Stadt Halab – sprich Aleppo, welche unter Kontrolle der IS-Terrormiliz geraten war, umzog.  Aber dort begegnete er bitteren Realitäten. Er berichtet über die Situation in Aleppo unter Besatzung der IS-Terroristen wie folgt:

„Die IS-Mitglieder haben nach Besatzung der Städte dort einen strengen Ausnahmezustand verhängt.  Sie haben die Anhänger von Baschar Asad identifiziert, festgenommen und auf dem Stadtplatz enthauptet. Die Gegner von Baschar Asad freuten sich darüber. Aber die IS-Leute nahmen viele syrische Mädchen und Frauen unter dem Vorwand, dass sie Gegner seien, fest, und verkauften sie auf dem Markt. Reiche Leute aus Saudi-Arabien und aus den Emiraten und sogar aus Europa kamen, haben sich schöne junge Mädchen ausgesucht und sie gekauft. Ich habe diese Szenen auf dem Markt von Aleppo erlebt, und weil ich  selber Töchter habe, habe ich mich sehr darüber aufgeregt. Mir hat das Weinen der  Mädchen sehr zugesetzt, die in Käfigen eingesperrt worden waren.“

Verkauf von weiblichen Gefangenen durch die IS-Bande

 

Aber Abu Baschir ahnte da noch nichts  von den schrecklichen Ereignissen, die ihn selber und seine Familie erwarteten.  Das erste schreckliche Ereignis betraf seinen einzigen Sohn.  Abu Baschir beschreibt diese erschütternde Geschichte wie folgt: 

„Die wahhabitischen Prediger des ISIS haben intensiv meinen Sohn  Baschir bearbeitet und ihn zu einem IS-Mitglied gemacht.  Mein Sohn Baschir war nur 20 Jahre alt und wusste nicht viel über Religion.  Ein Mann namens Abu Dschihad hat sich mit ihm angefreundet und sein Denken extrem beeinflusst. Eines Tages kam Baschir zu mir und bat um Erlaubnis, an einer der Militäroperationen der ISIS teilzunehmen.  Ich war sehr dagegen, denn mir gefiel die wahhabitische Denkweise nicht und ich war nicht mit ihr einverstanden. Aber Baschir hörte nicht mehr auf mich und er dachte nur an Abu Dschihad. Abu Dschihad hatte ihn zum IS-Mitglied gemacht und sie haben Baschir monatlich tausend Dollar gezahlt. Ich fragte Baschir: Warum willst du für die ISIS kämpfen? Kennst du sie denn? Kennst du ihre Ansichten? Aber er sagte  komische Dinge zu mir. Er sagte: `Die Schiiten sind Götzendiener. Wir müssen sie töten. Es ist die Aufgabe der ISIS erst die Götzendiener (die Schiiten) zu töten und dann Krieg gegen die Kaferin (die Ungläubigen) zu führen. Wenn wir die Schiiten töten, kommen wir ins Paradies`.  Diesen Unsinn hatte ihm Abu Dschihad eingeredet. Ich sprach mit Umme Aischah, seiner Mutter, damit sie Baschir auf andere Gedanken bringt. Aber was ich und seine Mutter ihm auch immer sagten und ihm rieten, es nützte kein bisschen. Baschir war von Kopf bis Fuß IS-Anhänger geworden. Nach mehreren Monaten militärischer Übungen  schloss er sich den IS-Operationen an und nachdem er ein Jahr an dem Krieg gegen die syrischen Kräfte teilgenommen hatte, kam er schließlich ums Leben. Sie haben uns seine Leiche nicht übergeben. Abu Dschihad hat mir lediglich mitgeteilt, dass er getötet worden ist. Das war alles. Auf diese Weise hat der Krieg in Syrien  mir meinen einzigen Sohn genommen und das Blut von Baschir ist vergeblich für die falsche Denkweise der ISIS und der Wahhabiten vergossen worden.“

                

    Abu Baschir verlor seinen Sohn wegen der Kriegstreiberei und der Machtsucht der erbarmungslosen IS-Anführer und ihrer ausländischen Unterstützer und dennoch ging es ihm bis dahin  im Vergleich zu anderen syrischen Familien, bei denen mehrere Mitglieder von den IS-Terroristen getötet, entführt oder gefangen geworden waren oder die in anderen Ländern ein Flüchtlingsleben führten, noch relativ  gut.  

Jedoch war auch für diesen   ehemaligen syrischen Oppositionellen das Drama damit noch nicht zu Ende und weitere schlimme Ereignisse erwarteten ihn. Darüber mehr im zweiten Teil.

 

 

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