Mrz 08, 2021 20:25 Europe/Berlin

Im ersten Teil haben Sie aus dem Munde vom Abu Baschir über den Beginn der Proteste in Syrien und die Eroberung einiger Städte seitens der Gegner Baschar Assads erfahren. Abu Baschir hatte über das Eintreffen der IS-Terroristen in Syrien berichtet, welche einige syrische Städte wie Halab – Aleppo - an sich rissen.

Zunächst war Abu Baschir, der zu den Regierungsoppositionellen gehörte, so erfreut, dass er mit seiner Familie von Damaskus nach Aleppo umsiedelte. Doch bald erlebte er dort die Gewaltsamkeit und die Diktatur der IS-Miliz. Diese überredeten seinen einzigen Sohn Baschir,  ihr Mitglied zu werden. Bei einer Militäroperation der Terroristen wurde Baschir getötet. Abu Baschir erinnert sich was sein Sohn über die Befehlshaber der IS-Bande berichtete und dass es gar keine Araber waren.  Sein Sohn hatte gesagt: „Sie kamen aus Tschetschenien und aus Israel und haben uns militärisch ausgebildet.“

Abu Baschir fährt fort: „Baschir war mein einziger Sohn und sein Verlust war für mich sehr schmerzlich. Ich dachte bei mir: Was ist das bloß für ein Unheil, welches über die Menschen in Syrien hereingebrochen ist?! Warum passiert uns das jetzt? Wir hatten es doch gut! Wir hatten  Sicherheit! Warum haben wir all das zerstört?! Warum sind wir auf die Gegner von Baschar Asad hereingefallen?! Baschar Asad ist doch kein Vergleich zu diesem ISIS! Die Syrer hatten sich zum Aufstand erhoben,  um sich vom Regime Baschar Asads zu befreien, aber nun waren sie in die Hände eines Regimes wie die der IS  gefallen, das viel brutaler und dümmer war. Ich bereute alles sehr. Wegen diesem Irrtum hatte ich sogar meinen Sohn verloren. Ich wollte nach Damaskus zurück, aber sie ließen mich nicht gehen.“

Nicht nur Abu Baschir bereute die Vergangenheit, den anderen Bewohnern in den von der IS-Bande besetzten Städten ging es genauso.  Abu Baschir darüber:

„Das Leben in den Städten, die von dem ISIS beherrscht wurden, verschlimmerte sich von Tag zu Tag und die Unzufriedenheit unter den Bewohnern wuchs. Die Sunniten, die vorher einmal gedacht hatten, dass der IS ihnen nichts anhaben werde und nur die Schiiten und die Unterstützer der Regierung von Baschar-Asad bestraft, bereuten dies heftig. Aber das half ihnen nichts mehr. Wir waren der brutalen und hirnlosen Herrschaft des IS unterworfen. Der ISIS hatte den Islam verdreht. Wir Menschen in Syrien waren in die Hände von Leuten gefallen, die unter dem Deckmantel Islam Dinge taten, die gegen den Islam verstoßen und uns blieb nichts anderes übrig als es zu ertragen. Sie haben ihre Gegner brutal unterdrückt und hingerichtet. Die Lage in den Städten Ar-Raqqa und Halab (Aleppo) war schlimm.  Die IS-Kräfte wahrten den Islam noch nicht einmal zum äußeren Schein. Ihre Befehlshaber verrichteten nicht das Pflichtgebet und sagten, der Dschihad sei wichtiger als das Gebet! Das IS-Regime war reine Gewalt und nichts anderes.   Sie haben auf dem Stadtplatz ein Mädchen geköpft. Ich habe die Leute, die dort versammelt waren, gefragt, was dieses Mädchen denn verbrochen hat. Da haben sie gesagt: „Sie war im Internet im Face Book aktiv, und das ist den Augen des ISIS verboten und sündig!“

                         

ISIS - Sinnbild für Blutvergießen und  Verbrechen

 

Während Abu Baschir noch um seinen Sohn trauerte, bekam er erneut den Vandalismus und das Übel der IS-Terroristen zu spüren. Diesmal war seine jüngste Tochter an der Reihe.

Abu Baschir schildert wie folgt was geschah:

„Eines Tages war ich gerade im Geschäft von  Abu Yaqub (dem einzigen Freund den ich in Aleppo hatte) als meine Frau mich auf dem Handy anrief.  Aufgeregt und mit weinender Stimme rief sie: „Abu Baschir! Wo bist du denn?! Komm schnell nach Hause!“ Verstört fragte ich meine Frau mehrmals, was denn los sei, aber sie gab mir keine Antwort und brach das Gespräch ab. Ich lief schnell nach Hause, voller Sorge und Unruhe. Als ich zuhause ankam, traf ich  meine Frau Umme Aschia und meine Töchter in Tränen aufgelöst an. Mir drohte das Herz zu stocken und ich sagte: `Umme Aschia ! Was ist passiert!` Da klagte meine Frau: `Sie haben Leila mitgenommen! Der IS! IS!` Mir wurde schwach in den Beinen. Leila war meine jüngste Tochter. Sie war keine 15 Jahre alt. Ich fragte aufgeregt: `Was?! Sag, wo haben sie sie hingebracht?! Warum haben sie sie mitgenommen`?!  Da erzählte Aischa, meine älteste Tochter: `Heute Morgen war ich mit Mutter und Leila  auf dem Bazar um Stoff zu kaufen. Dort sahen wir eine Gruppe der IS-Leute.  Plötzlich kam einer aus dieser Gruppe, ein Befehlshaber, legte seine Hand auf den Kopf von Leila und sagte: `Das ist meine Braut, ich habe die Heiratsformel gesprochen`. Wir sagten: `Dies ist die Tochter von Abu Baschir und sie hat nicht geheiratet. Sie ist  erst 15 Jahre alt`. Da schlug einer der IS-Soldaten  auf uns ein und sagte: `Jedem Mädchen, das uns gefällt, legen wir die Hand auf den Kopf, und sie wird unsere Frau`. Leila bekam eine solche  Angst, dass sie zusammenbrach. So sehr wir auch um Hilfe gerufen haben und so viele Leute uns auch umringten, es nützte nichts.  Sie haben Leila weggeschleppt und ihr Befehlshaber hat gesagt: `Bestellt ihrem Vater! Wenn er möchte, dass sie auf dem Stadtplatz enthauptet wird, dann soll er protestieren`.“

Meine Frau Aischa war zusammengeklappt  und ich hockte wie jemand, dem ein großes Unglück passiert war, auf dem Boden. Die Welt stürzte über mir ein. Wohin hatten sie meine zarte Laila verschleppt? Ich liebte sie sehr. Sie war ein schönes, gutherziges und liebenswertes Mädchen!“

                       

Abu Baschir war in großer Sorge und beunruhigt. „Ich ging wieder zu Abu Yaqub und bat ihn, er solle  mir jemanden von den IS-Leuten vorstellen, dem man vertrauen kann“, so erzählt Abu Baschir und fährt fort: „Er nannte mir einen jungen Mann, der aus Aleppo kam  und mit der ISIS in Verbindung stand. Abu Yaqub sagte:` Vielleicht kann er dich zu deiner Tochter bringen`.“ „In dem Moment war dies mein größter Wunsch“, sagt Abu Baschir und erzählt weiter: “Ich ging zu Abu Yaqub, um den jungen Mann zu treffen. Da saß er vor mir: Er hatte einen langen Bart und sah genauso aus wie die anderen IS-Leute. Ich stellte mich vor und äußerte meinen Wunsch. Der junge Mann schaute lächelnd zu Abu Yaqub herüber und sagte: `Das kostet einiges! Er will die Adresse von Abu Nasr! Die ist doch geheim`!“

Abu Baschir und sein Freund redeten lange auf den Mann ein, bis er bereit war, für 2500 Dollar die Adresse des schamlosen Befehlshabers zu verraten. Aber der junge Mann aus Aleppo  warnte sie: „Dort ist das Wohngebiet der IS-Befehlshaber. Es wird scharf  bewacht und es ist schwierig dort hinzukommen. Es kann dir passieren, dass du getötet wirst. Sei sehr vorsichtig!“ Abu Baschir berichtet: „Ich sagte: Was soll ich denn tun?! Mein liebstes Kind ist dort! Welche Gefahr mir auch immer droht, ich muss dorthin! Ich bat den jungen Mann mir zu helfen. Im Gegensatz zu vielen IS-Leuten war er ein wenig menschlicher. Er sagte zu mir: `Geh nicht sofort hin. Lass erst mich gehen, damit ich etwas über Leila erfahre und dir eine Nachricht bringe. Dann werde ich dir sagen, was du tun sollst. Es steht eine große Militäroperation bevor, und es ist ein Appell an alle Kräfte erfolgt. Mit Sicherheit wird auch Abu Nasr an dieser Operation teilnehmen. Das ist die beste Gelegenheit, damit ich Leila treffe und dir eine Nachricht von ihr bringe.“

Abu Baschir und seine Frau warteten aufgeregt und besorgt darauf, dass dieser IS-Mann ihnen eine Nachricht über ihre geliebte Tochter überbringt. Da wussten sie noch nicht, dass dieser junge Mann ihm Krieg umkommen würde.

  

Frauen auf der Flucht aus den von der IS-Bande okkupierten Gebieten

 

 

Abu Baschir machte sich große Vorwürfe. Ihm gingen die schönen Erinnerungen aus der Vergangenheit durch den Kopf. Er sagt: „Ich musste an die guten, glückliche Zeiten denken, die wir in Damaskus verbracht hatten. Zusammen mit der Familie. Wir waren umeinander versammelt, waren in Sicherheit, hatten ein gutes schönes Leben. Aber das haben  wir nicht zu schätzen gewusst. Wir waren einer Täuschung zum Opfer gefallen und hatten uns den Gegnern von Baschar Asad auf den Straßen angeschlossen.  Wir hatten eine Dummheit begangen und gedacht, Baschar Asad sei ein Diktator  und wenn er gehe, dann würde Syrien ein Paradies werden. Nun mussten wir für die eigene Dummheit büßen. Der gnadenlose ISIS herrschte über uns...“

Im dritten Teil dieser Sendung wird Abu Baschir erneut zu Wort kommen.

 

 

 

 

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