Jul 04, 2017 10:20 Europe/Berlin

"... Die Vereinigten Staaten sind dabei die Welt aufzurollen. Sie haben es in Deutschland geschafft und sie werden alles tun um es auch bei Russland zu kriegen."

Parstoday: Herr Wimmer,  ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zu diesem Interview.

Wimmer: Guten Tag Herr Shahrokny, guten Tagnach Teheran.

Parstoday: Herr Wimmer, bis vor der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten schien es, dass bei einem Wahlsieg von Donald Trump die Welt möglicherweise weniger Konflikte haben würde. Allein deswegen, weil er versprochen hat bei einem Wahlsieg ein gutes Verhältnis zu der Russischen Föderation anzustreben. Warum ist es aber nicht dazu gekommen.

Wimmer: Wenn wir uns die Entwicklung seit dem Herbst des vergangenen Jahres in den Vereinigten Staaten ansehen, dann müssen wir feststellen, dass dieser etwas ungewöhnlich zustande gekommene Kandidat und Präsident auf den versammelten Widerstand des republikanisch-demokratischen Kriegsestablishments gestoßen ist, und dieser Widerstand,  der ihm in Washington entgegenschlägt, trägt natürlich dazu bei, dass inzwischen offenkundig all das,  was mit besseren Beziehungen zur Russischen Föderation verbunden sein könnte,  ein total vermintes Gelände geworden ist. Jetzt ist die große Frage die, und das ist auch eine große europäische Hoffnung, dass die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation wieder besser werden können, ob man diesen Präsidenten in diesem erkennbaren Bemühen jetzt schon abschreibt und damit natürlich diesem republikanisch-demokratischen Kriegsestablishment den Erfolg seiner Bemühungen schon zuschreiben will. Ich halte das für verfrüht. Die Situation in den Vereinigten Staaten ist ja davon gekennzeichnet, dass fast bürgerkriegsähnliche - jedenfalls mentale - Auseinandersetzungen in diesem Land anstehen, und ich würde es für uns schädlich halten, wenn wir uns auf die Seite der McCains, Clintons, Soros's  und wie sie alle heißen,  schlagen würden. Also vor diesem Hintergrund, das ist eine Zeit großer Herausforderungen und wir werden ja in den nächsten Tagen in Hamburg sehen, ob es überhaupt möglich sein könnte, ein Treffen zwischen Putin und Trump hergestellt zu sehen. Die Entwicklung steht auf des Messers Schneide - und da bin ich persönlich immer noch der Auffassung, mir ist eine gewisse Hoffnung an die Adresse des Präsidenten Trump lieber, als ein Raketenaustausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation. So ernst ist die Situation.

Parstoday: Herr Wimmer dann stellt sich die Frage nach der Macht eines Präsidenten in den USA. Wie groß ist denn dann  die Macht des neuen amerikanischen Präsidenten überhaupt?

Wimmer: Also das Bild, das Sie damit zeichnen,  ist auch aus meiner Sicht natürlich entscheidend für die heutige Situation. Man muss sich ja fragen,  ob die Macht des amerikanischen Präsidenten bis zum Gartenzaun des Weißen Hauses reicht oder darüber hinaus geht. Aber ich will das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Natürlich sind die Machtmöglichkeiten eines amerikanischen Präsidenten sehr groß, und man sieht ja auch bei dem Präsidenten Trump, dass er versucht,  diese Dinge zu seinem Gunsten auszuspielen. Es gibt ja eine gewisse Tradition in den Vereinigten Staaten,  die in einer solchen Zeit angesprochen werden muss. Wir haben ja ein System weltweiter Herrschaft durch Militärstrukturen der Vereinigten Staaten. Und diese Militärbefehlshaber,  die es auf Hawaii oder in Stuttgart oder sonst wo gibt, die können natürlich auch die Rolle militärischer Prokonsuln spielen. Und wir wissen ja,  in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat es ja häufiger Auseinandersetzungen gegeben, wie die zwischen den Präsidenten Truman und MacArthur, und wir wissen ja auch um den ungeklärten Tod des General S. Patton in Deutschland am Ende des zweiten Weltkrieges. Das sind Auseinandersetzungen, die immer dann laufen, wenn die Macht des amtierenden Präsidenten, aus welchen Gründen auch immer, nicht so umgesetzt werden kann, wie dieser Präsident sich das  in Anbetracht der verfassungsmäßigen Situation in den Vereinigten Staaten  vorstellt. Das heißt die Probleme,  mit denen die Vereinigten Staaten es zu tun haben,  sind ja nun offenkundig. Zwanzig Jahre von Kriegen in allen Teilen der Welt haben dieses Land ja auch sehr geschwächt. Dagegen geht Trump an. Aber,  das heißt ja noch lange nicht, dass andere nicht versuchen, aus dem militärisch-industriellen Komplex sich in die Rolle des Präsidenten zu begeben.  Die Zeit der Herausforderungen wird nicht abnehmen.

Parstoday: Herr Wimmer, man spricht von einer tiefen Vertrauenskrise zwischen den beiden größten Mächten,  nämlich den USA und der Russischen Föderation,  die gefährlich werden könnte. Hat sich Trump anti-russische Berater zugelegt?

Wimmer: Man wird sich mit Sicherheit das Persnaltableau im Weißen Haus oder in sonstigen Einrichtungen in Washington genau ansehen müssen und es passiert ja auch in anderen Ländern immer wieder, dass Leute, die ins gewählte Amt gekommen sind, anschließend von Beratern geradezu eingemauert sind, und überhaupt keine Möglichkeit mehr haben,  ihre ursprünglich vorgesehene politische Linie durchsetzen zu können. Das kann Trump passieren. Dafür muss man sich aber die Situation in Washington und in den Vereinigten Staaten genau ansehen. Und wenn ich das richtig aus Gesprächen mit amerikanischen Gesprächspartnern vor der Präsidentschaftswahl gesehen habe, da gibt es in den Vereinigten Staaten eine starke Meinung, die übrigens dann auch Trump ins Amt gebracht hat, dass Trump vielleicht der letzte Versuch ist,  bevor es entweder zum Zusammenbruch der Vereinigten Staaten kommt, oder zu dem ausgreifenden Versuch wirklich die totale Kontrolle über die Welt zu bekommen. Das kann ja nur in einen großen Krieg münden. Und vor diesem Hintergrund ist für  Trump so schwierig, dass im Augenblick auch zu sein scheint, vielleicht für uns alle die letzte Chance vor diesen beiden anderen gefährlichen Bildern.

Parstoday: Herr Wimmer, wir hören und beobachten eine Truppenkonzentration an der russischen Grenze,  wobei man sagen muss, dass die USA die stärkste Truppe dort unterhalten. Wie sehen Sie das?

Wimmer: Wir müssen ja sehen, dass die Nato ihren Charakter völlig verändert hat. Die Nato ist als Verteidigungsallianz gegründet worden und durch den völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und durch die Änderung der NATO-Statuten und -Strategien hat man die Nato zu einem weltweit operationsfähigen Angriffsbündnis verändert. Im Übrigen haben die europäischen Parlamente zu dieser Entwicklung nie ihre Zustimmung gegeben. Aber die Tatsache ist heute, dass die Vereinigten Staaten mit der Nato an der russischen Westgrenze stehen, und damit auch eine Situation aufgehoben haben, die sie zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung zwischen allen beteiligten Staaten im Einvernehmen hergestellt worden ist. Es sollte östlich der Oder nichts geben, was nach Nato aussieht. Das war ausdrücklich das, was bei der deutschen Wiedervereinigung auch vereinbart worden ist. Von all diesen Dingen hat sich die Nato entfernt und das muss man natürlich in der russischen Föderation in Moskau feststellen. Und in Moskau sieht man auch. 80% der russischen Truppen sind im Umfeld von Moskau stationiert, um die russische Hauptstadt zu schützen. 80 % der amerikanischen Truppen sind irgendwo in der Welt stationiert, nur nicht in den Vereinigten Staaten. Und dieses Verhältnis ist weltweit bekannt, und daraus müssen alle Staaten ihre Schlüsse ziehen. Die Vereinigten Staaten betrachten die Welt als ihr Kriegsfeld und als ihr Manövergebiet für den Einsatz ihrer Truppen,  um diese Truppen nur ja nicht in Amerika zu sehen.

Parstoday: Herr Wimmer, Sie machen die Nato für diese Sache verantwortlich. Aber die Nato besteht auch zum größten Teil aus den amerikanischen Soldaten.

Wimmer: Ja,  das ist natürlich richtig, deswegen habe ich ja auch eben auf den Krieg gegen Jugoslawien aufmerksam gemacht. Die Vereinigten Staaten sind die Führungsmacht in der Nato und  ziehen die anderen Staaten wie Vasallen hinterher, wobei man sagen muss,  die Kriegsbereitschaft, wenn sie in Washington hoch ist, ist natürlich in London traditionell noch höher, und Frankreich macht ja auch immer gerne mit. Und die andern dackeln wie die Dackel hinterher. Das ist die Wirklichkeit und das muss man so deutlich ansprechen,  damit sich keiner was vormacht.

Parstoday: Herr Wimmer ein weiterer Konfliktpunkt ist Syrien. Es schien vor kurzem, dass dieser Krieg langsam aber sicher seinem Ende zuneigt. Aber nachdem sich die Amerikaner aktiv  eingemischt haben, ist wieder diese Hoffnung in die Ferne gerückt. Wie schätzen Sie diese amerikanische Politik in diesem Krisenland ein?

Wimmer:   wir müssen ja seit Jahrzehnten sehen, dass sich  die Vereinigten Staaten -  und die neuen Landkarten sind uns ja alle bekannt – bemühen, die Landkarte    zwischen Kabul und Damaskus,  die Landkarte des Nahen und Mittleren Ostens nach ihren Vorstellungen neu zu zeichnen. Und wir wissen doch sehr gut, nicht zuletzt durch den ehemaligen Sicherheitsberater Brzeziński, wie diese Landkarten aussehen sollten, und es kann ja sehr wohl sein, dass es in Washington mal zeitlich bedingt zu einer Beruhigung oder zu einer Veränderung der Situation kommt. Aber wir sollten uns nicht drüber weg täuschen. Die Vereinigten Staaten werden dieses Ziel auf Dauer betreiben und sie haben ja auch in dieser Region entsprechende Verbündete, in Tel Aviv,  in Riad und an anderer Stelle, die immer wieder auch in Washington vorstellig werden,  es bei dieser totalen Veränderung des Nahen und Mittleren Ostens auch bleiben zu lassen, es also weiter zu verfolgen. Wenn man eine Großregion so ins Elend gestürzt hat, wie das mit dem Nahen und Mittleren Osten seit 20 - 25 Jahren geschieht, da muss man sich natürlich nicht wundern, dass dabei nur noch der Schrecken regiert.

Parstoday: Herr Wimmer, aber die Zeiten haben sich aber  geändert. Nach dem zweiten Weltkrieg oder davor war die Situation ganz anders als jetzt.  Nun wollen  auch die Menschen stark mitmischen.

Wimmer: Ja,  aber wir werden in wenigen Tagen sehen, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Von Hamburg aus wird der amerikanische Präsident Trump nach Paris fliegen und am 14. Juli sich am Nationalfeiertag, an der großen Parade in Paris deshalb beteiligen, weil man 100 Jahre Kriegseintritt im ersten Weltkrieg gegen Deutschland feiern wird. Da kann ich natürlich nur sagen, damit ist das erste Beispiel auf dem europäischen Kontinent geliefert worden, dass die Vereinigten Staaten ein Land unter allen Umständen aus dem Weg räumen wollten, und dieses Land war Deutschland. Und das hat man mit den Briten und den Franzosen gemeinsam geschafft und Versaille 1919 war das Ergebnis. Und wenn man sich heute Gedanken über Adolf Hitler macht, dann muss man Versaille und den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten  deutlich ansprechen. Und deswegen ist auch das Empfinden in Mitteleuropa so stark, dass das,  was damals Deutschland und Österreich-Ungarn getroffen hat,  heute die Russische Föderation treffen soll. Die Vereinigten Staaten sind dabei, die Welt aufzurollen. Sie haben es in Deutschland geschafft und sie werden alles tun,  um es auch bei Russland zu kriegen.

Parstoday: Vielen Dank Herr Wimmer für diese Einschätzungen.

 

Anmerkung: Das Interview wurde am 30. Juni aufgezeichnet.

 

Das Interview wurde geführt von: Seyyed-Hedayatollah Shahrokny

 

 

 

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