May 29, 2022 05:54 Europe/Berlin
  • Ein neuer Krieg bereitet sich für die kommende Niederlage gegen Russland vor

Der Krieg in der Ukraine ist eine optische Täuschung.

Von: Thierry Meyssan

Hinter dem Anschein der Einheit der NATO und ihrer Konsolidierung durch neue Anhänger, versuchen mehrere große Akteure es allen gleichzeitig recht zu machen. In Wirklichkeit wissen alle, die nicht durch ihre eigene Propaganda blind geworden sind, dass ihr Lager verlieren wird und bereits andere Feinde auf anderen Schlachtfeldern vorbereitet. Washington macht gute Miene zum bösen Spiel und nutzt den russischen Druck, um die Reihen zu schließen.

Öffentlich behauptet die NATO, durch Putins "Wahnsinn" gestärkt worden zu sein. Die vom Westen stark bewaffnete Ukraine führe eine Gegenoffensive durch und wehre den "Eindringling" ab. Auf internationaler Ebene trügen die Sanktionen Früchte. Finnland und Schweden, die sich bedroht fühlen, beschlossen, dem Atlantischen Bündnis beizutreten. Bald werden die Russen den "Kreml-Diktator" stürzen.

Diesem großartigen Narrativ widersprechen die Fakten: Nur etwa ein Drittel der westlichen Waffen erreicht die Front. Aber die ukrainische Armee ist erschöpft. Fast überall zieht sie sich zurück und ein paar Erfolge ändern nichts am Gesamtbild. Zwei Drittel der westlichen Waffen, insbesondere die schwersten, sind bereits auf dem Schwarzmarkt auf dem Balkan verfügbar, insbesondere im Kosovo und in Albanien, die zu den wichtigsten Orten des Schmuggels auf diesem Gebiet geworden sind. Die westlichen Sanktionen schaffen die Gefahr einer Hungersnot, nicht in Russland, sondern im Rest der Welt und insbesondere in Afrika. Die Türkei und Kroatien lehnen den Beitritt neuer Mitglieder zur NATO ab. Es ist möglich, sie dazu zu überreden, aber auf Kosten radikaler politischer Veränderungen, gegen die sich der Westen immer gewehrt hat.

Selbst wenn Russland die Klugheit haben wird, seinen Sieg nicht zu laut zu feiern, wie es in Syrien der Fall war, wird dieser als das Versagen der größten Militärmacht der Geschichte, der NATO, erscheinen. Ein klarer Sieg, da das Atlantische Bündnis tatsächlich in den Kampf verwickelt war, während es in Syrien nur rund um die Schlachtfelder stand. Viele von Washingtons Vasallenstaaten werden versuchen, sich davon zu befreien. Es ist wahrscheinlich, dass ihre zivilen Führer geistig auf den Westen ausgerichtet bleiben werden, während sich ihre militärischen Führer schneller Moskau und Peking zuwenden werden. In den kommenden Jahren werden die Karten neu verteilt werden. Es wird nicht darum gehen, von einer Ausrichtung auf Washington zu einer anderen Ausrichtung mit den neuen Gewinnern zu gelangen, sondern eine multipolare Welt zu schaffen, in der jeder für sich selbst verantwortlich sein wird. Es geht nicht um eine Neudefinition der Einflusszonen, sondern um das Ende der Mentalität, die eine Hierarchie zwischen den Völkern etabliert.

Aus dieser Perspektive ist es faszinierend, die westliche Rhetorik zu beobachten. Viele Experten der alten Welt erklären, dass Russland sein Imperium wieder aufbauen will. Sie behaupten, dass es bereits Ossetien und die Krim zurückerobert habe und nun den Donbass angreift. Sie rekonstruieren die Geschichte, und beweisen sie mit gefälschten Zitaten von Präsident Putin. Jeder, der das zeitgenössische Russland studiert und die Daten überprüft, weiß, dass dies falsch ist. Der Beitritt der Krim zur Russischen Föderation und der bevorstehende Beitritt Ossetiens, des Donbass und Transnistriens haben nichts mit einem Imperium zu tun, sondern mit der Rekonstitution der russischen Nation, die während des Zusammenbruchs der Sowjetunion zerstückelt wurde.

In diesem Zusammenhang beginnt ein kleiner Teil der westlichen Führer, die Entscheidungen ihres US-Oberherrn in Frage zu stellen. Das gleiche Phänomen hatte es ein Vierteljahr lang am Ende der Amtszeit des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy gegeben. Letzterer hatte angesichts der menschlichen Katastrophe, die er in Libyen mit verursacht hatte, und seines Scheiterns in Syrien, zugestimmt, einen separaten Frieden mit Damaskus auszuhandeln. Washington, wütend über dessen Unabhängigkeit, organisierte jedoch seine Wahlniederlage zugunsten von François Hollande. In den Tagen nach seinem Eintritt in den Élysée belebte dieser die westliche Kriegsmaschinerie für ein Jahrzehnt wieder. Genau zu diesem Zeitpunkt beschloss Russland, in Syrien zu intervenieren. Nach zwei Jahren beendete es die Entwicklung seiner neuen Waffen, und kam dann, um die vom Westen bewaffneten und von der NATO von ihrem Alliierten Landkommando in der Türkei aus geführten Dschihadisten zu bekämpfen.

Wenn die Slogans der NATO auch in der westlichen Presse gesiegt haben, fanden unsere Studien über die Geschichte, Bedeutung und den Platz der „Banderisten“ in der heutigen Ukraine in herrschenden Kreisen auf der ganzen Welt weite Verbreitung. Viele von Washingtons "Verbündeten" weigern sich von nun an, diese "Ukrainer" zu unterstützen, von denen sie wissen, dass sie Neonazis sind. Sie sind der Ansicht, dass es in diesem Kampf Russland ist, das Recht hat. Deutschland, Frankreich und Italien haben bereits einigen Mitgliedern ihrer Regierungen erlaubt, mit Russland zu sprechen, ohne dass dies die offizielle Politik ihres Landes ändert. Zumindest diese drei Mitglieder der Atlantischen Allianz spielen mit Vorsicht ein Doppelspiel. Wenn die Dinge für die NATO schief gehen, werden sie die ersten sein, die ihre Fahne in den Wind hängen.

In ähnlicher Weise nahm der Heilige Stuhl, der fast einen neuen Kreuzzug gegen das "Dritte Rom" (Moskau) predigte und Fotos des Papstes veröffentlichte, der mit Ehefrauen von „Banderisten“ des Asowschen Regiments betete, nicht nur Kontakt mit Patriarch Kyrill, sondern auch mit dem Kreml auf.

All diese Kontakte, so diskret sie auch sein mögen, sind für Washington unerträglich, das bereits versucht, die geheimen Abgesandten aus dem Weg zu räumen. Aber gerade die Tatsache, offiziell entlassen worden zu sein, gibt diesen Abgesandten mehr Verhandlungsspielraum. Wichtig ist, dass sie demjenigen gegenüber rechenschaftspflichtig sein können, der das Recht dazu hat. Dies ist ein gefährliches Spiel, wie die Wahlniederlage von Präsident Sarkozy zeigt, als er versuchte, sich von seinem US-Sponsor zu befreien.

Hypothese 1: Die NATO-Erweiterung würde ihr neues Ziel bestätigen

Versuchen wir, uns ein wenig von den Ereignissen zu distanzieren und zu sehen, wie sie sich entwickeln könnten.

Damit die Türkei und Kroatien den Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO akzeptieren können, müsste die NATO ihre Bedingungen unterzeichnen. Diese sind für die Türkei (1) die Aufnahme der PKK und der Hizmet (Fethullah Gülen) in die Listen der terroristischen Organisationen, die Verhaftung und Auslieferung ihrer Mitglieder (2) die Wiederherstellung ihrer Rüstungsindustrie im F-35-Produktionsprogramm und für Kroatien (3) die Änderung der Wahlgesetze in Bosnien und Herzegowina, um ihrer kroatischen Minderheit politische Gleichheit zu gewähren.

 Die PKK vertritt nicht die Kurden im Allgemeinen, sondern nur einige von ihnen. Sie war ursprünglich eine marxistisch-leninistische Partei, die während des Kalten Krieges gegen die türkische Militärdiktatur kämpfte. Dann, nach der Verhaftung ihres Führers Öcalan und der Auflösung der UdSSR, wechselte sie die Seite, um eine libertäre Partei im Dienste des Pentagons im Nahen Osten zu werden. Heute ist sie eine Söldnermiliz, die als Deckmantel für die US-Besetzung Syriens dient. Sie als terroristische Organisation zu betrachten, würde bedeuten, die GIs aus Syrien zu evakuieren und die Ölquellen Damaskus zurückzugeben.

 Fethullah Gülen ist der spirituelle Vater einer großen Wohltätigkeitsorganisation, die in vielen Ländern präsent ist. Ihn aus den Vereinigten Staaten auszuliefern und seine Organisation als terroristisch einzustufen, würde der CIA in vielen türkischsprachigen afrikanischen und asiatischen Ländern Verbindungen vorenthalten. Dies wäre für Washington nur denkbar, wenn AfriCom auf dem afrikanischen Kontinent entfaltet würde, anstatt nach Deutschland verbannt zu sein. Verhandlungen sind im Gange, um es im Somaliland zu etablieren, das ein international anerkannter Staat werden würde.

Angesichts der langen Reihe von Anschlägen, die die PKK in der Türkei verübt hat, und des Attentatsversuchs auf Präsident Erdoğan, gefolgt von dem Putschversuch im Juli 2016, bei dem die Hizmet eine zentrale Rolle im Namen der CIA spielte, sind Ankaras Forderungen legitim.

 Die Wiedereinführung der Türkei unter die Nationen, die den US-amerikanischen Jäger F-35 herstellen, kostet nichts, aber ihre Streichung von der Liste war eine Sanktion gegen den Kauf russischer S 400-Flugabwehrraketen durch das türkische Militär. Ankara zufrieden zu stellen, um die NATO gegen Russland zu erweitern, wäre widersprüchlich und gelinde gesagt unverständlich. Darüber hinaus kann es auch hinderlich sein, die F-35 von einer Macht herstellen zu lassen, die nicht gezögert hat, deren angebliche Qualität zu kritisieren.

 Das heutige Bosnien und Herzegowina wurde von den „Straussianern“ fabriziert (Richard Perle war kein Mitglied der US-Delegation, sondern Bosnier bei den Dayton-Abkommen). Es wurde als homogene Einheit in Übereinstimmung mit der Denkweise der Straussianer konstruiert. Die kroatische Minderheit (15% der Bevölkerung) wurde daher dort geächtet. Ihre Sprache ist nicht anerkannt und sie haben keine politischen Vertreter. Dem Antrag nachzukommen, den Kroatien in ihrem Namen stellt, würde bedeuten, die Gründe in Frage zu stellen, warum die Straussianer die jugoslawischen Kriege organisiert haben (Trennung ethnischer Gruppen und Schaffung homogener Bevölkerungsgruppen). Es sind jedoch die Straussianer, die in der Ukraine am Ruder sind.

Unter der Annahme, dass diese drei Bedingungen erfüllt sind oder dass die politischen Führer, die sie formuliert haben, gestürzt werden, würde die Erweiterung des Atlantischen Bündnisses auf Finnland und Schweden die Veränderung des Wesens der NATO bestätigen. Es wäre nicht länger eine Struktur, die darauf abzielt, die nordatlantische Region zu stabilisieren, wie es im Vertrag festgelegt ist, was Präsident Boris Jelzin 1995 dazu veranlasst hatte, ernsthaft die Mitgliedschaft seines Landes in Betracht zu ziehen. Die NATO würde ihre Umwandlung in eine US-Militärverwaltung ihres westlichen Imperiums vollenden.

Hypothese 2: Westliche Sanktionen und Militärhilfe sind dazu da, um andere Konflikte vorzubereiten

Schauen wir uns nun die wirklichen Folgen der westlichen Sanktionen an. Russlands Ausschluss aus dem internationalen Finanzsystem erreicht nicht sein Ziel. Russland importiert und exportiert weiterhin so viel wie nötig, ist aber gezwungen, Lieferanten und Kunden zu wechseln. Russland hat ein Äquivalent von SWIFT mit den BRICS-Staaten (Südafrika, Brasilien, China und Indien) schnell eingerichtet, aber es kann nicht mehr direkt mit dem Rest der Welt Handel betreiben. Schon jetzt ist es in Afrika unmöglich, Kalidünger zu bekommen. In der Tat sind Russland und Weißrussland dessen Hauptexporteure. Es führt zu einer schlechteren landwirtschaftlichen Ausbeute und daher zu einer möglichen Hungersnot. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat bereits Alarm geschlagen. Er fordert den Westen auf, bei seinem Embargo für Pottasche-Düngemittel eine Ausnahme zu machen.

Im wahrscheinlichsten Fall, in dem Washington nichts an seiner Politik ändern wird, wird die Hungersnot neue Kriege und enorme Migrationen in die Europäische Union auslösen.

Es ist gelinde gesagt überraschend, dass die Vereinigten Staaten nach dem Fall von Mariupol bereit waren, weitere 40 Milliarden Dollar in die Ukraine zu schicken, wo sie bereits weitere 14 Milliarden Dollar verloren hatten. Tatsächlich erreichten zwei Drittel nie ihr Ziel. Diese Summen wurden unterschlagen. Waffen im Wert von rund 18 Milliarden Dollar werden bald im Kosovo und in Albanien verfügbar sein. Entweder denkt man, dass das Pentagon Geld zum Fenster hinauswirft, oder dass es investiert, aber dieses gigantische Arsenal den Augen des Kongresses vorenthält.

Die US-Unterstaatssekretärin für politische Angelegenheiten, die „Straussianerin“ Victoria Nuland, reiste am 11. Mai nach Marokko, um ein Treffen der Globalen Koalition gegen Daesch zu leiten. 85 Staaten nahmen auf Außenminister-Ebene daran teil. Wie vorherzusehen war, verurteilte Frau Nuland den Wiederaufbau von Daesch, aber nicht mehr im Nahen Osten, sondern in der Sahelzone. Sie lud alle Teilnehmer ein, sich den USA im Kampf gegen diesen Feind anzuschließen. Alle haben jedoch im Irak und in Syrien die massive Unterstützung der Dschihadisten durch das Pentagon bemerkt, alle anwesenden Diplomaten haben gut verstanden, dass der Sturm nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Es fehlten Waffen und das Pentagon will sich nicht wieder bei ihrer Übergabe an die Dschihadisten ertappen lassen. Es wird sie nur aus dem Balkan holen müssen, wo sie noch in ihren Verpackungs-Kisten auf ihre Endverbraucher warten.

Ein Krieg in der Sahelzone wird kein Problem sein: Er wird die Großmächte verschonen und nur afrikanische Opfer fordern. Er wird so lange dauern, solange man ihn unterhalten wird, und kein Verbündeter wird sich erlauben zu bemerken, dass dieser Konflikt erst existiert, seitdem die Verbündeten Libyen überfallen und zerstört haben. Alles kann so weitergehen wie bisher: Für einen Teil der Menschheit wird die Welt unipolar bleiben, mit Washington als Zentrum.

Quelle: https://www.voltairenet.org/article217026.html