Mrz 17, 2020 11:27 Europe/Berlin

Der Welttag des Theaters fällt jährlich mit dem iranischen Noruzfest zusammen. Dies nehmen wir diesmal  zum Anlass über die traditionelle Theaterkunst zum iranischen Neujahr Noruz zu berichten.

 

   

 

                          

1961 schlug ITI – das Internationale Theaterinstitut – die Ernennung des  27. März zum Welttag des Theaters  vor,  und seitdem wird dieser Tag jährlich begangen. Aus diesem Anlass gibt jedes Jahr eine der internationalen Theatergrößen zu diesem Tag eine Botschaft heraus. Dieses Jahr kam die Botschaft von dem Pakistanischen Bühnenautor Schahid Nadim. An einer Stelle in seiner Botschaft heißt es:

„In unserer heutigen Welt, in der  Hässliches, Hass und Gewalt erneut in Erscheinung treten, scheinen sich die Völker gegeneinander zu erheben, und die Anhänger einer Lehre gegen die anderen Krieg zu führen und einige Gesellschaften die anderen auszuspionieren ... Wir müssen erneut unsere spirituellen Kräfte speichern. Wir müssen, der Welt und dem Planeten zuliebe, auf dem wir leben,  die Geistlosigkeit  und Apathie, Misstrauen und Gier und Gleichgültigkeit bekämpfen.“   Nadim schrieb in seiner Botschaft, dass das Theater der Menschheit erneut Energie spenden und sie wieder mobilisieren kann. Er weiter: „In Südasien würdigt der Theaterspieler die Bühne, bevor er sie betritt, indem er ihr die Hand auflegt. Dies ist eine alte Tradition welche Spiritualität und Kultur miteinander verknüpft. Es ist an der Zeit, dass wir jene Co-Existenz zwischen dem Akteur und dem Publikum, zwischen Vergangenheit und Zukunft erneut aufbauen.“

Schahid Nadim

 

Im Iran hat das neue Sonnenjahr dieses Jahr am 20. März begonnen. Das Noruzfest ist ein antikes Fest der Iraner. Es geht mit besonderen Bräuchen einher. Zu dem Noruz-Brauchtum gehören auch kleine Theaterstücke und Zeremonielles Theater, welches gegen Ende des alten  und zu Beginn des neuen Jahres in Form einer Art Straßentheater aufgeführt wird. Früher waren diese Theaterstücke überall in Städten und Dörfern üblich.

Bei Herannahen des Noruzfestes zogen Musikanten durch den Ort  und verbreiteten mit ihren Noruzmelodien viel Fröhlichkeit. Mit kleinen Vorstellungen kündigten sie den Abschied des Winters und das Eintreffen des Frühlings und des Neuen Jahres an. Der iranische Gelehrte Abu Reyhan Biruni führt die kleinen Schauspiele zu Noruz –wie Kuseh bar neschin bis zu dem semi-mythologische Königsgeschlecht der Kayaniden  zurück und schreibt: „Ein Mann in lustiger Kleidung, der ulkige Sachen machte, wurde auf einem Esel durch die Stadt geführt.“

Dieser Schauspiel-Umzug war gemäß Biruni längere Zeit in den verschiedenen Teilen Irans gegen Ende des Jahres üblich gewesen.  Biruni, der von 973 bis 1050 gelebt hat, berichtet, er sei selber in Schiras einmal Zeuge eines solchen Umzugs gewesen.  

Vorbereitungen für Kuseh bar neschin

 

Ein anderes Straßentheater, das einige Tage vor dem Noruzfest beginnend bis zwei Wochen nach dem Jahresanfang aufgeführt wurde, hieß Atesch Afruz. Die Akteure waren Theaterkünstler und Musikanten, die jeder auf besondere Weise gekleidet waren und auftraten.  Einer hatte sich schwarz angemalt und trug rote Kleidung. Ein anderer lief auf Stelzen, und der nächste hielt eine brennende Fackel in der Hand. Begleitet von dem Spiel der Musikanten führten diese Noruz-Botschafter lustige Dinge durch und das Publikum spendete ihnen ein Trinkgeld. Im Laufe der Geschichte erfuhr diese Straßenvorstellung Veränderungen. Was heute noch an dieses alte Straßentheater  erinnert ist die Gestalt des Hadschi Firuz. Man sieht die Hadschi Firuz mit schwarz angemaltem Gesicht und in Rot gekleidet  am Ende des letzten Monats auf der Straße, singend und trommelnd, den Frühling ankündigen.  Die rote Kleidung symbolisiert die frohe Stimmung des Frühlings und die schwarze Bemalung des Gesichtes ist Sinnbild  für die dunklen Tage und die Kälte des Winters, der sich angesichts der Fröhlichkeit des Frühlings zurückziehen muss.

 

Hadschi-Firuz

 

Der Tag, an dem das  neue Jahr beginnt, nämlich Noruz,  wird in der Geografie Frühjahrs-Tagundnachtgleiche genannt. Es bedeutet, dass der Tag genauso lang ist wie die Nacht. Dies hat mit dem Umlauf der Erde um die Sonne zu tun.  Einer der wichtigsten Botschaften von Noruz ist daher auch die Botschaft von der Ausgeglichenheit. Das  Theaterzeremoniell Mir-Noruzi baut auf der Forderung nach Ausgleichen  und Gerechtigkeit auf.  In der Zeit als im Iran noch Könige herrschten oder jedes Gebiet einem Befehlshaber unterstellt wurde,  war dieses Straßentheater zu Noruz eine Gelegenheit die Bedeutung der Gerechtigkeit hervorzuheben.  Das Theaterstück Mir Noruzi ist schon sehr alt. Es gibt bereits in der vorislamischen Zeit Hinweise darauf.  Es war auch, über die geografischen Grenzen Irans hinweg, in Gebieten mit iranischen Kultureinfluss, wo das Noruzfest gefeiert wurde, üblich.  Das Noruzfest fand zum Beispiel in der Zeit der Fatimiden (909 bis 1171) und auch noch danach in Ägypten  statt.

Die Gestalt des Mir-Noruzi oder Noruz-Königs wurde von einem Mann gespielt. Zur Belustigung des Volkes durfte er einige Tag regieren und er gab anstelle des Königs oder des wahren Befehlshabers spaßige Befehle heraus. Ihm waren auch Befehle wie die Beschlagnahmung des Eigentums eines Wohlhabenden oder die Gefangennahme eines Mächtigen erlaubt. Dem Anschein nach diente das Noruz-Schauspiel Mir-Noruzi   der Unterhaltung und Belustigung, aber wenn man der Sache auf den Grund geht, erkennt man darin Protestreaktionen  der Untertanen gegenüber dem Vorgehen derer, die das Sagen hatten.

Das Mir-Noruzi-Zeremoniell 

 

Bahram Beyzai beruft sich in seinem Buch „Theater im Iran“ auf jemanden, der im Jahre 1924 selber in Bodschnurd  im  nordostiranischen Chorasan  Zeuge der Mir Noruzi Vorstellung war. Dieser berichtete: „Am 10.  Farwardin (dem ersten Monat des neuen Jahres) sah ich eine große Gruppe von Reitern und Fußgängern vorbeiziehen. Einer von ihnen war prächtig gekleidet und saß auf einem stolzen Pferd, einen Schirm über sich aufgespannt. Ihm lief eine große Menschenmenge voraus und viele Menschen folgten ihm. Direkt vor und hinter ihm und an seiner Seite begleiteten ihn mehrere Leute,  die seine Lakaien waren und  von denen einige einen Stock in der Hand hielten. Bei einigen war der Stock sehr lang und an der Spitze war der Schädel eines Tieres, zum Beispiel einer Kuh oder eines Schafes angebracht. Das hatte zu bedeuten, dass der Fürst aus einem siegreichen Krieg zurückkehrte. Hinter dem Mir Noruzi lief unter großem Lärm eine große Menge von verschiedenen Leuten her.“  

Das Mir-Noruzi Zeremoniell war offensichtlich unter der Bevölkerung beliebt und viele lustige Stücke sind aus ihm hervorgegangen.  Besonders das Spiel der als Noruzi-Chanha (Nouri-Sänger) bekannten Wandergruppen, oder die lustige Figur des Hadschi Firuz. Aber auch das Atesch-Afruz-Spiel oder die Vorstellung des Ghul-e Biabani – der Riese der Wüste.

 

Mir-Noruzi, der Noruzi-König, durfte 5 Tage lang Befehle herausgegeben und alle Befehle mussten wie die Anweisungen eines richtigen Königs oder Befehlshabers durchgeführt werden.  Da dieses Schauspiel kurz vor Noruz stattfand, waren die Befehle in der Regel zum Lachen  und manchmal eine Art spöttische Anspielung auf  die Macht des Königs. So konnte es vorkommen, dass Mir-Noruzi den wahren König für abgesetzt erklärte, oder neue Minister ernannte, oder aber auch  Steuererhöhungen erklärte. Nach 5 Tagen endete der Klamauk  mit Mir-Noruzi mit einer fröhlichen Feier und alle gingen mit neuer Energie dem Frühling entgegen. In einigen Gegenden kam es vor, dass der 5-tägige Noruzi-König sich anschließend vorsichtshalber  verbarg, aus Angst davor, dass ihm jemand seine Befehle, die jeder durchführen musste,  übelgenommen hatte und es ihm heimzahlen würde.

            

Die meisten Zeremonielle und Theatervorstellungen  zu Noruz fanden übrigens gegen Ende des alten Jahres und in der  Öffentlichkeit statt. Es wurde dazu iranische Noruzmusik gespielt. Die Musikantengruppen wurden Noruzsänger genannt – auf Persisch Noruzi-chan. In ihren Liedern kündigten sie das Herannahen des Neuen Jahres und den Frühling an. Es waren Wandermusikanten und es gab sie in fast allen Gegenden des Irans, besonders aber in den Provinzen Gilan, Mazanderan und Aserbeidschan im Nordiran und in der Provinz Fars im Süden des Landes.  Der Frühlingsbeginn war ein trefflicher Anlass für ihre Musik und ihre Theaterzeremonielle.

 

 

 

 

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