Nov 21, 2021 03:55 Europe/Berlin

Wer war dieser iranische Philosoph der sich unentwegt für die Verbindung zwischen der Theologischen Hochschulkreisen und den alten und modernen Wissenschaften eingesetzt hat? Erfahren Sie mehr über diesen Sohn eines iranischen Bäckers.

 

 

                       

Karim war ein Bäcker, der niemals den Brotteig knetete, ohne vorher die rituelle Waschung vorgenommen zu haben. Er hatte niemals die Schule besucht, aber ein  ausgezeichnetes Gedächtnis und was er aus dem Munde der Prediger gehört hatte, konnte er haargenau wiedergeben. Während einer Hungersnot in seiner Stadt Tabriz schaffte es Karim unter Mühen zwei Sangak-Brote und etwas Gebäck zu besorgen. Auf dem Heimweg sah er zwei Hungrige, die den Kadaver eines Huhns in der Hand hielten. Da gab er ihnen eines der Brote und ein wenig von dem Gepäck. Sie beteten für ihn und sagten: „O du gütiger Mann! Gott der Allmächtige und Gnädige möge dir ein gutes Kind bescheren. Der Barmherzige möge dir mit diesem Kind Freude bereiten, so wie du uns eine Freude bereitet hast!“

Karim wurde 1921 Vater eines Sohnes, der  die Gipfel der Wissenschaft und der Spiritualität erreichte und zu einer einflussreichen Persönlichkeit für die  Menschheit wurde. Sein Sohn Mohammad Taqi wurde ein großer Religionsgelehrter und Denker und zu einem Vorbild für Moral, dessen Worte, Handeln und Werke den anderen als Maßstab dient.  

Allameh Mohammad Taqi Dschafari  hat sich sowohl an der Theologischen Hochschule als auch an der Universität durch die Ausbildung zahlreicher Schüler verdient gemacht. Seine Schüler können sich noch gut daran erinnern, wie interessant seine Vorlesungen und Debatten über Philosophie, islamische Mystik, die Geschichte der Wissenschaft und   andere Wissensgebiete waren. Er hat zahlreiche Werke verfasst, von einem Kommentar und einer Übersetzung des Nahdsch-ul-Balaghas (der Sammlung der Worte, Weisheiten und Predigten von Imam Ali) bis zu der Erklärung des Mathnawi Ma‘ nawi von Maulana ( Rumi ). Allameh Dschafari besaß eine große spirituelle Ausstrahlung sowie hohes Wissen und war zugleich sehr bescheiden. Er war ein ernsthafter Wissenschaftler und Forscher und zugleich ein fröhlicher und zu Scherzen aufgelegter Mensch. Er beherrschte die Literatur auf Persisch und Arabisch,  kommunizierte mit Muslimen und Nichtmuslimen und stand in Verbindung mit internationalen wissenschaftlichen Persönlichkeiten, wobei er sich stets an die islamische Moral hielt. Das alles sind Eigenschaften, die seinen Charakter und seine wissenschaftliche Autorität wiederspiegeln.  Er dachte nur an das Ansehen des Islams und des Korans und hat sich dafür nach besten Kräften eingesetzt.     

 

Es war die Mutter von  Mohammad Taqi Dschafari , die ihm Schreiben und Lesen,  den Koran und einen Teil des Lehrstoffes der Grundschule beibrachte. Als er mit sechs in der Tabrizer Etemad-Madreseh eingeschult wurde, brauchte er nur noch  die 4. und 5. Klasse zu besuchen. Mohammad Taqi hatte ein erstaunliches Gedächtnis. Zum Beispiel kannte er das Erzählbuch Kalileh wa Damaneh auswendig und konnte schwierige Begriffe erläutern. Wegen der schwachen finanziellen Lage seiner Familie ging er morgens zur Schule und nachmittags arbeiten.

Ab 1930 besuchte Mohammad Taqi in Teheran die Theologischen Seminare und ging daraufhin nach Qom und schließlich nach Nadschaf um sein Wissen zu erweitern.  Im irakischen Nadschaf tauschte er sich mit dem Philosophen, Rechtsgelehrten und innovativen Logiker  Mohammad Rida al- Mozaffar aus und in Bagdad führte er Gespräche  mit dem renommierten Mathematiker Ahmad Amin. In Gefolge dieser Begegnungen entfaltete er Interesse für Themen wie „islamische Jurisprudenz und Physik“, „Philosophie und Ästhetik“, „Geschichte und Psychologie“. Er schloss nicht die Augen gegenüber  modernem und innovativem Wissen aus dem Westen, sondern setzte sich mit ihm auseinander. Außerdem vertiefte er sich in die westliche Literatur nach der Renaissance. 

Nach seiner Rückkehr in den Iran  widmete er sich bis ans Lebensende der Wissenserweiterung,  Lehre und Forschung.  Im Jahre 1997 verlieh ihm der damalige Präsident der Islamischen Republik, Seyyed Mohammad Chatemi, zur Würdigung seiner 50-jährigen Verdienste im Bereich Wissen und Forschung, die höchste Ehrenmedaille für Wissen.

An den Vortragssitzungen von Mohammad Taqi Dschafari nahmen vor allen Dingen junge Menschen und Studenten teil. Deshalb ist er zur Zeit des Schahs, der 1979 gestürzt wurde, von den  Handlangern des letzten iranischen Monarchen bedroht worden. Sie behaupteten er würde mit seinen Ansprachen über Philosophie und Gnostik, die Jugend gegen das Regime aufhetzen.

 

Allameh Dschafari zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass er unermüdlich um die Verbindung zwischen Theologischer Hochschule und Universität ebenso wie die Verknüpfung traditionelle und neuer Wissenschaften bemüht war. Er hat während  seiner über 50-jährigen wissenschaftlichen Tätigkeit mehr als 100 Bücher und Abhandlungen in diesem Zusammenhang geschrieben.  Er hat sich, gestützt auf sein Wissen über das Dasein und die Weltanschauungen von Ost und West mit den Ansprachen, Briefen und Weisheiten von Imam Ali (Friede sei ihm) auseinandergesetzt und ihren Inhalt vorgestellt. Hierbei hat er die verschiedenen Denkschulen und Ansichten herausgefordert und unter Beweis gestellt, dass das Wort Alis in Nahdsch-ul Balagha höher zu  stehen kommt als das Wort eines Menschengeschöpfes , ohne jedoch Gottes Wort zu sein. Er hat gesagt, dass das Wort Alis, wenn es vollständig und richtig dargelegt wird, die reine Wahrheit ist und keinerlei Irrtum aufweist. Allameh Mohammad Taqi Dschafar hinterließ ein 27bändiges Werk über die Auslegung des Nahdsch-ul Balaghas. Wegen seines vorzeitigen Todes konnte er diesen Kommentar nur bis zur Predigt 166 vollenden.

In seinem Vorwort zu dem genannten Kommentar schreibt Meister Dschafari ausführlich über die Frage des Menschen und seiner Mission. Er begründet dies damit, dass diese Frage vorab behandelt werden muss, um Imam Ali zu verstehen.   Aus seiner Sicht geht es nicht darum, eine bestimmte Person, die in einem bestimmten geschichtlichen Abschnitt gelebt hat, kennenzulernen. Die Bekanntschaft mit Ali sei nämlich in Wahrheit die Bekanntschaft mit der Summe von Regeln, die in einem idealen Menschen verwirklicht sind. Er sagt, Imam Ali (F) sei zu einem allgemein geliebten Beispiel für einen idealen gläubigen Menschen geworden, weil er sich von sämtlichen negativen Tendenzen befreit und die Fesseln des Egos, der Gesellschaft und der Geschichte abgeworfen hat und weil in seinem Wesen die vielen verschiedenen Werte verwirklicht wurden. Allameh Dschafari hebt hervor, um Bekanntschaft mit der Persönlichkeit Alis (F) zu schließen müsse der Standpunkt dieses ehrenwerten Menschen zum Leben erläutert werden.  Ali (F) sieht das Leben auf eine Weise, dass ihm Genuss und Leid, Angst und Niederlage und alle unbeständigen Ereignisse des Lebens wie kurzlebige Seifenblasen erscheinen. Deshalb muss man nach Ansicht von Allameh Dschafari erst über den Menschen allgemein und seine Berufung sprechen und so gut es geht danach bestrebt sein, zu zeigen, was der Mensch ist, was ihn ziert und welches seine  wahren Werte sind. Erst danach sollte das Nahdsch-ul Balagha mit den Worten Imam Alis erklärt und interpretiert werden.      

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Allameh Mohammad Taqi Dschafari  hat zwecks Meinungsaustausch über 70 wissenschaftliche Diskussionssitzungen mit internationalen Persönlichkeiten geführt, darunter der britische Philosoph und Logiker Bertrand Russell, der französische Philosoph Roger Garaudy, der pakistanische Physiker Professor Abdussalam, und der deutsch-amerikanische Professor Rosenthal . Über 50 dieser Gespräche hat er in einem Buch namens „Takapuyeh Andischeha“ „Austausch  der Gedanken“ herausgegeben.

In der Einleitung zu diesem Buch schreibt er: „Innerhalb der letzten dreißig Jahr hat sich für mich Folgendes als wahr erwiesen: Wenn keine Dinge und Zielsetzungen, die unwissenschaftlich sind und  bei denen es um Profit und Vorherrschaft geht,  bei der Suche nach der Wahrheit mitspielen, ist das Einvernehmen der Menschen über hohe Grundsätze des materiellen und immateriellen Lebens dermaßen umfassend und tief, dass die Fortsetzung der Entrechtung und der verheerenden  Feindschaften verhindert werden kann.“

Ein anderes  Werk namens „barresi waa Naqd Andischehast“ ist eine kritische Analyse der Geschichte des Denkens. In diesem Buch untersucht er die Ansichten von Alfred North Whitehead, dem bekannten britischen Philosophen und Mathematiker.

Meister Dschafari hat viele philosophischen Gedanken aus den Werken der großen Weltliteraten abgeleitet. Dank seiner Liebe zu Kunst und Literatur prägte er sich Hundertausende Gedichte der Persischen und Arabischen Literatur und Teile der westlichen Literaturwerke ein.  Er hegte eine Vorliebe  für die Dichtung von  Maulana Dschallaluddin Mohammad Balchi, der im Westen als „Rumi“ bekannt ist und schrieb 15 Bände über die Deutung des Werkes Mathnawi-e Ma`nawi von diesem Dichter.  Seine Werke gelten als zuverlässige Quelle für die islamische Philosophie und Weisheit.  Unter seiner Aufsicht wurden auch die vier Bände „az Darya beh Darya – „vom Meer zum Meer“ über den Inhalt der Dichtung Rumis im Mathnawi  herausgegeben. Ostad Dschafari hat auch ein ausführliches Buch über die Menschenrechte geschrieben und einen Vergleich zu den islamischen Menschenrechten  gezogen. Dieses Buch wurde ins Englische übertragen. Die 40-jährige Tätigkeit an verschiedenen Universitäten ist ebenso wichtiger Bestandteil des Wirkens dieses iranischen Gelehrten.

 

Der iranische Physiker Dr. Mehdi Golschani  ist der Meinung, dass Allameh Dschafari besonders durch sein Wissen, seinen Charakter und sein Gespür für den Zeitgeist herausragt, und sagt:  „Das Wissen gemäß der Erfordernissen der Zeit ist eine der wichtigen Eigenschaften des Allameh gewesen. In seinem Buch „Ensan wa Dschihan“, (der Mensch und die Welt) hat er interessante neue Inhalte  vorgelegt. Außerdem unterstrich er die Untersuchung der Natur und sagte: Keine Religion fordert den Menschen auf, die Natur außer Acht zu lassen und nicht nach der Entdeckung ihrer Bestandteile zu streben und wenn Wissenschaft und Philosophie im Dienste der Religion stehen, werden sie an ein vernünftiges Leben  gelangen. Allameh Dschafari  vertrat die Meinung, dass die Naturwissenschaft nicht alle Fragen erwidern sondern nur eine umfassende Weltanschauung alles beantworten kann und die Religion dabei behilflich ist eine Weltanschauung vorzulegen.“

Dr. Davud Feirahi, iranischer Politikwissenschaftler, hat es als charakteristisch für Allameh Dschafari bezeichnet, dass er den Mut zu einem Wandel traditioneller Begriffe besaß.   Er hat gesagt: „In den Augen von Allameh Dschafari, ist ein Mensch, der aus welchen Grund auch immer nicht frei sein und selber wählen kann, keine Person, sondern das Fabrikat eines Systems und vorgebautes Produkt.   Ein Ding oder  Gegenstand  ist – stellt Vernunft außerhalb des Menschen dar, während eine Person Vernunft im Menschen manifestiert. Aufgrund dieser Definition ist der Mensch jemand der ja und nein sagen kann und Freiheit besitzt.“

Das Studium der  Werke von Allameh Dschafari  regt zur Wahrheitssuche an und erinnert weiter an diesen iranischen Gelehrten der im Herbst 1998 die Augen schloss und zur Begegnung mit seinem Herrn eilte.
 

 

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