May 03, 2022 07:49 Europe/Berlin
  • Mohammad Ali Islami  Noduschan      

Am 25. April ist der bekannte iranische Autor, Dichter und Forscher Mohammad Ali Islami Noduschan  in Kanada im Alter von 97 Jahren verstorben. Wir wollen ihn in diesem Sonderbeitrag mit einigen seiner  Gedanken zu Wort kommen lassen.

 

 

                                         

„Das einzige auf was ich mich im Leben gestützt habe, war eine innere Kraft, die mich im Auf und Ab des Lebens vorangetrieben hat.  Ich habe das Gefühl im Leben niemals stehen geblieben zu sein oder auf der Stelle getreten zu haben. Ich war wie ein schmaler Bach der immer, wenn er auf ein Hindernis stieß, an einer anderen Stelle weiterfloss. Der Mensch ist so glücklich wie er sich in Bewegung sieht.   "

Dies sind die Worte eines Mannes, der 97 Jahre alt wurde und viele Jahre im Ausland gelebt hat, während seine Werke und seine Worte erfüllt sind von Heimatliebe. Vor vielen Jahren schreibt er in seinen Erinnerungen:

„Ich habe Sehnsucht nach dem Iran. Die Luft im Westen ähnelt in meinen Augen mit all der sauberen Umgebung einer angenehmen  Klimaanlage, in der man gut atmen kann.  Doch ich brauche die Luft im Freien  und den Himmel voller Sterne. Ich  brauche es, auf der Straße und auf dem Bazaar Farsi zu sprechen und inmitten der Erinnerungen und der Geschichte, ob gut oder schlecht, zu leben.“

Mohammad Ali Islami Noduschan

 

Mohammad Ali Islami Noduschan ist im iranischen Sonnenjahr 1303 in dem Dorf Nodusch, nahe bei Yazd, zur Welt gekommen. Sehr bald verlor er seinen Vater und musste auf eigenen Beinen stehen.  1924 ging er nach Teheran um dort Jura zu studieren. Dort veröffentlichte er Gedichte in so angesehenen Zeitschriften wie „Sochan“. Er hatte schon mit 12 gedichtet.  Mit 30 begann er sein Studium in Europa fortzusetzen und erwarb schließlich seinen Doktor im Fach „Internationales Recht“ an der Sorbonne in Frankreich.

Nach seiner Rückkehr in den Iran war er einige Jahre als Richter in der Staatsanwaltschaft tätig. Doch dann gab er seinen Posten auf und lehrte an mehreren Universitäten Jura und Literatur. Er widmete sich der Forschung auf dem Gebiet wissenschaftlicher Werke und Literatur Irans, übersetzte Bücher von Weltautoren ins Farsi  und verfasste zahlreiche Artikel und über 50 Bücher über iranische Kultur, Geschichte und Literatur.

In der Schreibweise von Dr. Noduschan wird ein Hauch von seinem Dichtertalent spürbar und damit pflegte er eine Tradition der iranischen Literatur.  Was den Inhalt betraf so war ihm sowohl der Mensch  als auch der iranische Mensch sehr wichtig und er legte sich auf keine Denkschule fest. Von der Denkweise von Persönlichkeiten,  die er schätzte wie Maulana (Rumi), Tolstoi und Nehru erkannte er nur einen Teil an. Er sagte, dass er sowohl an die Macht der Wissenschaft glaubt als auch befürchtet, dass sie alleine das Schicksal der Menschheit in die Hand nimmt. Er sah in den alten Meisterwerken der Literatur und Kultur Irans einen idealen lebendigen Zufluchtsort und eine Festung gegenüber der allgemeinen Oberflächlichkeit.

Mohammad Ali Islami Noduschan als junger Mann

 

Islami Noduschan hat in vielen seiner Werke festgestellt, dass die  Grundlagen der iranischen Kultur  in Form der neupersischen Sprache, der Poesie, Literatur, Wissenschaft und Gnostik hauptsichtlich aus der Islamischen Ära stammen.  Die Farsi-Dichtung ist für Islami Noduschan die wertvollste Errungenschaft  und der Träger der iranischen Kultur und Mentalität.  Er ist davon überzeugt, dass in dieser Dichtung die höchsten und einfallreichsten Gedanken der Iraner ausgedrückt werden und die Säulen des Denkens, des Fühlens und der Wahrnehmung der Iraner  in den Werken von Dichtern wie Firdausi, Nasir Chusrau, Sanai, Nezami, Maulana, Saadi und Hafiz zu suchen sind. Er hat sich besonders intensiv mit dem Buch der Könige von Firdausi auseinandergesetzt.

Dr. Noduschan hat sich auch aus einer besonderen Sicht  mit Irfan -  der Gnostik (Ischraq – durch Erleuchtung -  und Tasawuf – mittels des Sufismus)   und dem Einfluss des spirituellen Bewusstseins auf die  Geschichte Irans nach dem Eintreffen des Islams beschäftigt.  Die Ursprünge der Gnostik sieht er bereits in der vorislamischen Antike liegen. Was er über die Errungenschaften der iranischen Gnostik und Erleuchtung sagt, geht weit über die üblichen klischeehaften Vorstellungen hinaus und basiert auf gedanklicher Vertiefung und zum Teil auf persönlicher Erfahrung.

Islami Noduschan pflegte zu sagen, dass die Liebe zum Iran ihn alle die Jahre lang aus jeglicher verfahrenen Situation herausgeholfen habe:  Er sagte:

„Seit meiner Kindheit habe ich als ein Iraner den Iran sehr geliebt, denn es ist ein Land, das von anderen Ländern verschieden ist. Iran besitzt dreitausend Jahre schriftliche Geschichte  und hat viele Ereignisse  und eine bewegte Geschichte hinter sich. Die iranische Erde ist nicht anders als die der anderen Länder, aber was zum Unterschied geführt hat sind die Ereignisse und Strömungen, die in diesem Land vorgekommen sind. Aus diesen ergab sich die Kultur und Geschichte, die von seinem Volk erhalten blieben. 

Über seine Liebe zu Iran schreibt er:

„Jeder hat im Leben einen Halt und einen Trost und liebt etwas Bestimmtes.  Wenn er morgens aufsteht, so beginnt er sein tägliches Leben wegen diesem Halt. Und abends wenn er sich schlafen legt, dann legt er sich gestützt auf diesen Halt schlafen.  Für mich ist die Liebe zum Iran ein Halt im iranischen Kulturleben.“

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Islami Noduschan antwortete in einem Interview auf die Frage, ob er ein glückliches Leben gelebt hat mit folgenden Worten: „Es gilt nach wie vor Folgendes: Solange jemand noch nicht gestorben ist, lässt sich nicht sagen, ob er glücklich ist.   

Glücklich-Sein ist von Mensch zu Mensch verschieden. Das Leben der Menschen ähnelt sich nach außen hin, aber was sich in ihrem Inneren abspielt, ähnelt sich nicht. Es kann sein dass andere jemanden für glücklich halten (obwohl er es nicht ist).  ... Mein persönlicher Rückschluss lautet, dass mein Glück damit zu tun hat, wie und wie viel ich aus dem Leben gewinne. Je mehr ich vom Leben gewinne, desto glücklicher bin ich. Ich meine damit die Geschenke des Lebens – in der Natur, in den sozialen Beziehungen, den Künsten und den Verhaltensweisen und Taten und alles was in uns Freude und Ansporn hervorruft.  Freude und Motivation  entspringen  den erfüllten und fruchtbaren  Stunden des Lebens, den blühenden und glühenden Stunden und je mehr diese Stunden wiederholt vorkommen und anhalten, desto schöner wird das Leben.

Diese Einstellung geht zurück auf zwei alte Auffassungen. Gemäß der einen hängt das Glück davon ab, alles zu besitzen, was der Mensch sich wünscht und gemäß der anderen  bedeutet Glücklich-Sein, sich von seinen Wünschen loszulösen (wie es die Ansicht  des Buddhismus und der persischen Mystik ist). Das Prinzip Gaben und innere Freude zu gewinnen  ist in gewisser Weise eine Kombination von beiden Einstellungen. Denn hierbei wird  eine Auswahl unter den Wünschen getroffen und dieses Prinzip umfasst jene Wünsche, die am natürlichsten, menschlichsten und reinsten sind und lässt von den anderen Wünschen ab. So lässt sich kurzgefasst sagen, dass Glück, soweit es persönlich bestimmbar ist, in der Fertigkeit besteht, von etwas abzulassen bzw. etwas zu fordern,  d.h.  dass der Mensch weiß was er möchte und was er nicht möchte.“ 

 

Noduschan fährt fort:

„Doch sollte ich jetzt von mir selber sprechen. Wenn einige Probleme nicht gewesen wären, dann hätte ich vielleicht viel intensiver und erfüllter gelebt, aber ich betrachte mich auch in diesem Umfang als glücklich, weil ich mich an zwei gute Ereignisse erinnern muss, aufgrund derer ich für mein Schicksal dankbar bin: Erstens dass ich in einem Land wie Iran auf die Welt gekommen bin und meine Sprache Farsi ist und zweitens, dass ich in dieser Ära auf die Welt gekommen bin und nicht  vorher und nicht später. 

Iran besitzt geografisch eine vorteilhafte Lage. Es liegt im Schnittpunkt von vier Zivilisationen: der östlichen und westlichen und der nördlichen und südlichen. Es wurde von allen vier beeinflusst und hat aus diesen  Kulturströmungen seine eigene besondere Kultur entwickelt.  Die Vorkommnisse und Strömungen denen dieses Land innerhalb der letzten dreitausend Jahre oder noch mehr begegnete, haben seiner Geschichte und Vergangenheit  Tiefe und Sinn, Schönheit und Vielfalt verliehen, die außergewöhnlich sein mögen. 

Jedoch ist das Farsi eines der größten Kapitalien, welche Iran besessen hat und die ihm erhalten blieben. Ich bilde mir nichts auf Darius und Kyros ein, aber auf die Farsi-Sprache und die iranische Kultur bin ich stolz  und betrachte es als große Gabe und Segen, dass Farsi meine Muttersprache ist  und zwar wegen dem menschlichen Reichtum, der in einigen seiner literarischen und denkerischen Werke existiert.“

Noschudan fährt fort:

„Und warum bin ich froh in dieser Zeit zu leben?

Wir leben in einer der bedeutendsten Epoche in der Geschichte Irans: Ich sage nicht, dass es die beste ist, sondern ich sage, es ist die bedeutendste.  Wir, die jetzige Generation, sind Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und diese Gegenwart ist von allen anderen Zeiten verschieden.  Nur wir  besitzen diese Besonderheit. Unsere Väter waren nicht so und unsere Kinder werden auch nicht so sein. Ich habe in der einen Hälfte meines Lebens zwei Arten von  Leben erprobt die mehrere Tausend Jahre auseinanderliegen. Mit den Worten von Charles Baudelaire (dem franzöischen Dichter und Schriftsteller): Ich habe so viele Erinnerungen als wäre ich tausend Jahre alt.“

 

Und dies war unsere Gedenknote für einen tausendjährigen Mann aus Iran namens  Mohammad Ali Islami Noduschan. Möge er nicht in Vergessenheit geraten.

 

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