Apr 12, 2018 03:52 CET

Wie Sie wissen zählt die manuelle Anfertigung von Stoffen zum alten iranischen Kunsthandwerk. Über Termeh und iranischen Samt haben wir bereits gesprochen. Heute stellen wir eine weitere kostbare Stoffart aus Iran vor , nämlich „Zari“.


 

Zarbaaf oder Zari Baafi  wird ein sehr feines Seidengewebe mit  Gold- oder Silberfäden genannt. Es handelt sich um Brokat. Die Kettenfäden, die über den Webstuhl gespannt werden, sind aus  zarter reiner Seide und den Schuss bilden Fäden aus bunter Seide, von denen einige vergoldet oder versilbert sind.    Zari ist das feinste Gewebe aus Iran. Dieser legendäre Stoff war einmal weltbekannt und  Exemplare des iranischen Brokats schmücken heute die Museen. Der iranische Brokat  gilt als das makelloseste  und einmaligste  Erzeugnis iranischer Webstuben.

 

Die Geschichte der Brokatstoffe soll an die 7 Tausend Jahre alt sein. Wie dem auch sei, jedenfalls berichtet der griechische Geschichtsschreiber Herodot, dass die Römer jährlich große Geldmengen für die Brokatstoffe aus dem Iran ausgaben, weil sie sehr schön und berühmt waren.

Wie das Teppichknüpfen – und Weben war die Brokatanfertigung mit Sicherheit schon unter den Achämeniden üblich, die  vom 6. bis 4. Jahrhundert vor Christus herrschten. Auf  den  Reliefen ihrer Burg Tacht-e Dschamschid (Persepolis)  in der Provinz Fars, sowie in  Schusch und in Pasagard  sehen wir die Könige und Vornehmen vom Königshofe  Gewänder mit Brokaträndern an den Ärmeln und am Kragen tragen. Es wurden auch ganze Figuren aus Goldfäden in ein Tuch eingewebt: geometrische wie Dreiecke oder Sterne, oder auch   fünfblättrige Blüten sowie Löwen- und Vogelfiguren.

 

Von den Brokatstoffen aus der Sassanidenzeit (3. bis 7. Jahrhundert nach Christus) gibt es noch viele Exemplare  in Kirchen und Museen außerhalb Irans. Der Brokat in dieser Zeit war so beliebt in der damaligen Welt, dass er als das beste Reisemitbringsel aus dem Iran galt. Der Louvre in Paris und das Metropolitan Museum  in New York, sowie die Ermitage im russischen Leningrad und mehrere Kirchen in Europa bewahren noch Stücke von dieser Kostbarkeit aus dem alten Iran  auf.

 

Gemäß Herodot  (5. Jahrhundert vor Christus ) und Plutarch (1.-2. Jahrhundert nach Christus) hat der Mazedonier Alexander, trotz aller Feindschaft gegen die Perser, immer Brokatstoffe aus Iran getragen. In dem Heiligen Buch der Zoroaster, der Avesta, steht, dass die Iraner zur Zeit der Achämeniden,  Gewänder aus mit Gold durchwirktem Stoff trugen  und Seiden- und Brokatstoffe in schönen Farben üblich waren.

 

Dr. Mohammad Hasan Zeki schreibt in seinem Buch Sanaye`Iran b`ad as Islam (Das iranische Handwerk nach Beginn des Islams) über die Textilien in dieser Zeit, dass die iranische Webkunst  einen Höhenpunkt und ihre Glanzzeit erreichte. Dafür zeugen, wie er schreibt, einige erhalten gebliebene Seidenstoffe.  Er verweist auf einen Stoff aus dieser Zeit, der in der Schatzkammer der französischen Stadt Samoëns aufbewahrt wird und auf dem ein Mann im Zweikampf mit einem Löwen gezeigt wird.  Ein anderer Stoff wird laut Dr. Zeki im Berliner Museum für Kunstgewerbe aufbewahrt. Auf ihm ist ein Elefant abgebildet.

                                  

Nachdem die Iraner  den Islam angenommen hatten,  erlebte die Webkunst allerdings zunächst eine Flaute, denn wegen einiger religiöser  Kleidungsregeln durften bestimmte Stoffe nicht mehr getragen werden. Zum Beispiel waren Seidenstoffe als Männerbekleidung religiös gesehen nicht mehr erlaubt (haram).  Die Weber nahmen jedoch alle Schwierigkeiten in Kauf um ihrem neuen Glauben gerecht zu werden und gelangten auf diese Weise zu einem  guten Ansehen in der muslimischen Gesellschaft.  

 

Die Zeit der Buyiden ( 930-1062 nach Christus) war eine neue Glanzzeit für das Kunsthandwerk Weben. Es sind kostbare zweiseitige Seidenstoffe aus dieser Zeit erhalten geblieben.  Die Muster waren eine Mischung von sassanidischen und islamischen.  Stoffe wurden am Rande mit Kufischer Schrift verziert.  Zur Zeit der Seldschuken (1040 - 1194) blühte die iranische Webkunst erneut auf und präsentierte sich mit den feinsten Mustern und neuen Techniken zur Anfertigung von Seidenstoffen  und beidseitig gemusterten oder zweilagigen Textilien.   Es sind ungefähr 50 Stücke aus der Seldschukenzeit erhalten geblieben.

 

Dann fielen die Mongolen im 13. Jahrhundert nach Christus ins Land ein und verheerten es. Erst gegen Ende der Mongolenherrschaft verbesserte sich die Lage für Künstler und Handwerker wieder.  Doch die ehemalige Glanzzeit kehrte längere Zeit nicht zurück.

 

Der amerikanische Orientalist Arthur Pope  hat in seinem Buch „Meisterwerke der iranischen Kunst“ über die negativen Auswirkungen  der Herrschaft der Mongolen im Iran auf das Kunsthandwerk des Webens geschrieben.  Er sagt: „Während die Herrschaft der Mongolen  erst keinen wesentlichen Einfluss auf die Töpfer- und Metallhandwerk hinterließ,  änderten sich jedoch  total die Stoffmuster. Die Muster, die seit der Zeit vor dem Islam üblich waren, wurden ebenso wie ihre Kombinationen  völlig beiseite gestellt.

Es wurden keine hellen Farben und auch kein Weiß mehr als Untergrund von Mustern gewählt,  um Figuren und Ornamente hervorzuheben. Stattdessen wurden grelle und dunkle Farben üblich.  Selbst die Arbeitsmethode änderte sich.  Die Stoffe waren sich mehr oder wenig ähnlich und der Ursprung ihrer Muster ist meistens unklar.

 

Der Einfall der Chinesen und Mongolen, der mit viel Gewalt einherging, wirkte sich auf die Stoffweberei auf.  Unter den Timuriden wurden die Weber aus den verschiedenen Städten nach Samarqand (gehört heute zu Usbekistan) geholt.  Ein  Fortschritt in diesem Kunsthandwerk blieb jedoch unter den Timuriden aus.“

 

Das Auf und Ab in der   Geschichte der Menschheit ist natürlich.  Nach der dunklen Ära, die dem Mongoleneinfall folgte, erlebte die Kunst  und Zivilisation unter den Safawiden (16. Bis 18. Jahrhundert)  wieder eine Glanzepoche.  Die Safawidenkönige unterstützten Kunst und Künstler. Auch die Kunst des Webens erfuhr erneut einen großen Aufschwung. Es lässt sich sogar sagen, dass unter den Safawiden insbesondere unter Schah Abbas dem Großen (Abbas der I.)  Stoffe gewebt wurden, wie sie es ihresgleichen nirgendwo auf der Welt jemals gegeben hat.

Schah Abbas ließ in Isfahan eine Königliche Werkstätte für Brokatweber errichten.

Diese Webstube arbeitete nur für den Königshof und fertigte ausgezeichnete Stoffe an, die „Schohre Afaq“ genannt wurden.

Es blieben viele Exemplare erhalten, doch leider weiß niemand, von welchem Webmeister sie angefertigt wurden.  Ihre Existenz zeugt aber fest von der glänzenden Vergangenheit dieser Kunst im Iran.

Nach dem Sturz der Safawiden durch die Afghanen, verlor die Webkunst im Iran wieder an Bedeutung. Auch die nachfolgenden Afschariden, die Zand- und dann die Qadscharen-Dynastie haben nichts für die Rettung dieses Kunsthandwerkes unternommen.   Die Zeit der Qadscharen ist einer der schlechtesten für die Webkunst gewesen.  Diese Zeit fällt mit der  maschinellen  Textilanfertigung  in Europa zusammen. Gewinnsüchtige Leute haben mit Einverständnis der damaligen Monarchen hemmungslos billige Produkte aus Europa und Russland eingeführt und die Inlandsproduktion behindert.  Die iranischen Handwerker und Künstler erhielten keine Unterstützung und konnten ihre Erzeugnisse nicht absetzen. Also ließen sie von ihrer Arbeit ab und die mehrere Tausend Jahre alte traditionelle  Webkunst Irans geriet zusehends in Vergessenheit.

Als Reza Schah 1925 die  Pahlavie-Dynastie begründete,   wurden  teure Stoffe wie Brokat und Samt nur noch in einigen Familienbetrieben gewebt und nur zu sehr hohen Preisen verkauft.

In Kaschan, welches schon immer für seine Stoffe bekannt war, wurde die Kunst des Brokatwebens von  Meister  Mohammad Chan Naqschband widerbelebt. Er brachte sie seinen  Kindern bei.

 

In der Pahlaviezeit waren Brokatstoffe wieder am Königshof gefragt, sowohl für Bekleidung als auch als Geschenk. Dieses Kunsthandwerk blühte erneut  auf und es wurden größere Mengen von Brokatstoffen angefertigt.

Nach der Islamischen Revolution, die die Monarchie im Lande abschaffte, bestand allerdings wieder keine Nachfrage nach teuren Brokatkleidung und die Herstellung ging zurück. Brokat diente nur noch als Dekor.

 Zurzeit wird  diese Gewebe nur noch in der Webstube der Organisation für das Kulturerbe des Landes in Teheran und in der Kaschaner Zweigstelle dieser Organisation sowie  in den Berufsschulen für Schöne Künste von  Isfahan angefertigt.  Interessierte können bei einem Meister dieses Faches die alte iranische Kunst des Brokatwebens erlernen.

 

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