Oct 18, 2020 06:00 CET

Ein wichtiges Thema der Denkschule der Ahl-ul-Bait des Propheten ist Tauhid. Tauhid – nämlich die Einheit Gottes - ist die Hauptsäule der gesamten islamischen Überzeugung.

 

 

Der Prophet und die Imame aus seinem Hause waren sich voll und ganz der Wahrheit bewusst, dass die Überzeugung von der Einheit Gottes sich überall im Leben des Menschen auswirkt. Für den überzeugten Menschen dient nämlich die Daseinswelt einem Ziel und wurde gemäß einem genau kalkulierten Plan entworfen. Eine solche Überzeugung gibt dem Menschen Orientierung und dem Leben einen Sinn. Wer davon überzeugt ist, dass es nur den Einen Gott und Herrn gibt, stellt sich in Seinen Dienst. Dies ist der Grund dafür, dass der Prophet des Islams und die Imame aus seinem Hause darum bemüht waren, die Überzeugung von Tauhid unter den Menschen zu festigen.  Imam Ali (F) hat gesagt:  „Der Beginn der Religion ist die Erkenntnis von Gott und die Vervollständigung der Erkenntnis von Gott, ist der Glaube an Ihn und die Vervollständigung des Glaubens an Ihn,  ist das Bezeugen  Seiner Einheit und die Vervollständigung des Glaubens an Seine Einheit ist  die Aufrichtigkeit gegenüber  Gott.“ (aus Predigt 1, Nahdschul-Balagha)

           

Der Prophet und die Imame haben die  Frage der Einheit Gottes und Seiner Herrschaft über die ganze Welt behutsam auf verschiedene Weise dargelegt. Sie haben die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer manchal durch logische Begründung und manchmal durch Appellieren an die innere menschliche Natur  auf Gott gelenkt.

 Die Sehnsucht nach Gott ist naturgemäß im Wesen des Menschen verankert, und im Inneren wird der Mensch in Richtung eines unendlichen  Wesens gedrängt. Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau sagt: „Der Weg zur Gotterkenntnis ist nicht ausschließlich der Weg über den Verstand, sondern das natürliche Empfinden ist der beste Weg für den Gottesbeweis. Es ist eine unleugbare Wahrheit dass die Lehre der Propheten keinen Zuhörer gefunden hätte, wenn nicht in den Menschen das Verlangen nach Religion und die Neigung zu Gott vorhanden gewesen wäre. Der Aufruf der Propheten wäre erfolglos verlaufen. Die Ausgangsbasis der Verkündung der Propheten war der Aufruf zur Anbetung nur des Einen Gottes.   Sie haben die Menschen angewiesen, keine Götter oder Sonne, Mond und Sterne anzubeten, damit dieses innere natürliche Verlangen der Menschen nicht durch falsche abwegige Beispiele  gestillt wird sondern sich auf den wahren Gott richtet."

Also geht der erste Funken für den  Hang zur Religion und Gottglauben von der inneren Motivation durch die Gott gegebene Natur aus und dieses Licht wächst daraufhin gestützt auf das Nachdenken. Die natürlichen Gefühle des Menschen zu Gott in seinem Wesen sind so spürbar, dass wenn ein Mensch alleine schon die eigene Existenz und sein Wesen betrachtet, deutlich erkennt, dass es eine unendliche Macht gibt. Imam Ali hat gesagt: „Wahrlich wird zwischen Gott und Seinem Diener kein Schleier sein, denn Er ist mit den Menschen, wo sie auch immer sind.“ (Bihar ul Anwar, Bd. 3, S.330)

               

Manchmal tritt der Hang zur Religion und zum Glauben an Gott zu Tage wenn der Mensch in großer Not ist. Zum Beispiel wenn er in Seenot gerät oder wenn er aus nächster Nähe Todesgefahr verspürt und es nichts gibt, was ihn retten könnte. In dem Moment erinnert ihn sein Inneres an eine überirdische Stütze. Und in dem Moment beginnt er eine Macht um Hilfe zu bitten, die über allen Mächten steht und spürt, dass diese große und gütige Macht ihn retten kann.  In diesem Moment wird ihm in einem Winkel seines Herzens die Allmacht Gottes bewusst. Im Heiligen Koran heißt es im  Vers 22 der Sure Yunus (Sure 10) wie folgt:

 Er ist es, Der euch zu Lande und zur See Wege bereitet. Und da sie an (Bord) der Schiffe sind und mit ihnen (den Passagieren) bei gutem Wind dahinsegeln und sich darüber freuen, werden sie plötzlich von einem Sturm erfasst, und die Wogen schlagen von allen Seiten über sie zusammen. Und sie meinen schon, sie seien rings umschlossen - da rufen sie Allah in vollem, aufrichtigen Glauben an: "Wenn Du uns aus diesem (Sturm) errettest, so werden wir sicherlich unter den Dankbaren sein."

 

Im nächsten Vers  beklagt Gott jedoch, dass die meisten Menschen nach ihrer Rettung wieder ihren vorherigen aufrührerischen Weg fortsetzen.

                         

Imam Sadiq (F) nahm manchmal die Neigung des Menschen zu Gott zur Hilfe und berührte, gestützt auf den Koran, das Herz und den Verstand.  Er hat  auf die Voraussetzungen, die seine Zuhörer mitbrachten, geachtet und erwog es manchmal als besser, ihre Aufmerksamkeit statt mit logischen Argumenten mittels ihrer Gefühle auf den Einen Gott zu lenken.

Einmal bat ihn jemand: „Zeig mir den Weg zu Gott, denn es hat mich verwirrt, was diejenigen sagen, die über  Gotteserkenntnis debattieren.“

Imam Sadiq (F) fragte ihn: „Bist du schon einmal mit dem Schiff verreist?“

Der Mann bejahte es.

Da sagte der Imam: „Ist es schon einmal passiert, dass das Schiff zerbrach und es inmitten der Meereswogen nichts gab, was dich vor dem Ertrinken hätte retten können?“

 Der Mann bestätigte es und so fuhr Imam Sadiq fort:  

„Ist in jenem bedrohlichen Moment und Augenblick der Hoffnungslosigkeit nicht das Gefühl in dir aufgekommen, dass es eine unendliche und starke Macht gibt, die dich aus dieser schrecklichen Lage retten kann?“

  Der Mann begriff, worauf der Imam (F) hinauswollte. Er nickte bejahend und sagte: „O ja, Sohn des Propheten Gottes, genauso war es.  Der Mensch sucht unter solchen Umständen unbewusst nach Hilfe seitens einer starken Macht.“ 

Da sagte Imam Sadiq (F) zum Abschluss:  Es ist der Mächtige Gott und die Stütze der Hoffnung, an den sich das Herz flehend in Augenblicken wendet, wo alle Türe für den Menschen verschlossen sind (Bihar al Anwar, Bd.3, S.41)

                              

 

Die Ahl-ul Bait haben also den wichtigen Punkt berücksichtigt, dass die Menschen verschieden sind und dass sie ihnen nur auf verschiedene Weise Rechtleitung geben können. Das Begriffsvermögen und die geistigen Fähigkeiten sind von Mensch zu Mensch verschieden und daher gingen auch die Ahl-ul-Bait bei der Darlegung der Religion verschieden vor. Der Prophet des Islams (S) hat gesagt: „Wahrscheinlich wir Propheten haben den Auftrag mit den Menschen gemäß Umfang ihres Verstandes zu sprechen.“(Bihar ul Anwar, Bd. 1, S. 85)

Der Prophet und seine  Ahl-ul-Bait berücksichtigen bei der Darlegung der Glaubensgrundlagen des Islams die zeitlichen und örtlichen Bedingungen ebenso wie die Gefühle und Befindlichkeit ihrer Zuhörer.  Und so kommt es, dass sie das Tauhid-Denken auf unterschiedlichem Wege unter der Bevölkerung  verbreiteten.  Sie haben auf eine Weise  die Attribute Gottes beschrieben, dass es sowohl Vernunft und Geist ansprach als auch die Seele. Dies rührte von daher, dass sie selber mit Leib und Seele die Herrlichkeit Gottes spürten. Imam Ali hat so eindrucksvoll und wirksam  über die Einheit Gottes und über die Attribute Gottes  im Nahdsch-ul Balagha gesprochen, dass der muslimische Denker Ibn Abi Al- Hadid gesagt hat:

„Die Einheit Gottes (Tauhid) und die göttliche Gerechtigkeit (Adl) sowie die Dinge, die die Theologie betreffen, sind nur durch die Worte dieses Mannes (Hazrate Ali) erkennbar geworden. Ich schwöre , wenn ein verständiger Mensch diese Worte hört, bebt sein Herz und er spürt mit seinem ganzen Sein die Größe   Gottes und wird auf Ihn aufmerksam.“

 

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