Sep 16, 2019 06:17 Europe/Berlin
  • Der muslimische Gnostiker Professor Christian Bonaud

Christian Bonaud, geboren 1957  im deutschen Breisgau,  ist  einer der herausragenden Islamgelehrten unserer Zeit gewesen. Er kam am 26. August 2019  bei einem Schiffsunglück auf seiner Reise zur Elfenbeinküste ums Leben. Zwei Jahre nachdem er zum Islam übergetreten war, legte er sich den Namen Yahya Alawi  zu.

 

 

 

                  

Bonaud war zur Elfenbeinküste gereist, um dort während des Trauermonats Muharram  Ansprachen zu halten. Er hat immer die  Erinnerung an Aschura und die Märtyrer von Kerbala hervorgehoben und gesagt:  „Die Gedenkzeremonien an Imam Husain (Friede sei mit ihm) sind nicht nur ein Brauch, sondern gehören zu den wichtigsten Pflichten.  Wenn wir von unserer Liebe zu Imam Husain (F) und von Kerbala sprechen, sollten wir selber wie er und seine Mitkämpfer in Kerbala werden. Wenn Filme zur Verbreitung der Aschura-Kultur gedreht werden, ist das gut,  aber um wie Husain zu werden müssen wir bei uns selber beginnen. Diese Kultur wird auf der ganzen Welt Verbreitung finden.“

                            

Christian Bonaud (verstorben 2019)

 

Professor Christian Yahya Bonaud ist Übersetzer des Korans und Islamgelehrter. Er hat seinen Doktor in Theologie und Philosophie erworben, an der Universität gelehrt und war Mitglied der Wissenschaftlichen Gemeinschaft für Islamische Mystik.  Bonaud kam 1957 als Kind einer katholischen Familie in Freiburg zur Welt. Im Alter von 10 siedelte die Familie ins  französische Strasbourg um. Bonaud beschäftigte sich als junger Mensch aufgrund seines Interesses an den östlichen Religionen  mit diesbezüglicher Literatur und bereiste verschiedene Länder, darunter auch Spanien und Marokko. Auf einer seiner Reisen lernte er die Bücher  des französischen Philosophen und Muslims René Guénon  kennen.  Unter dem Einfluss dieser Literatur wurde er mit 20 Jahren Muslim und nahm bald darauf ein Studium in der Arabischen Sprache und Literatur und den Islamwissenschaften auf. Durch die Werke von Henry  Carbon, französischer Professor für Islamstudien,  wurde er auch mit der schiitischen Gnostik vertraut. Er setzte seine Studien über das schiitische Gedankengut fort und schloss sich im Alter von 22 der schiitischen Rechtsschule an. Bonaud sagt: „Es ist nicht entscheidend, dass jemand   Schiit wird, denn das kann auch durch einen oberflächlichen Grund passieren, zum  Beispiel ein Gefühl, ein Erlebnis oder vonseiten der Eltern usw. ... nach meiner Überzeugung ist es wichtig, ein Schiit zu bleiben ...“

Bonaud war schon im Jugendalter auf der Suche nach Wahrheit und Spiritualität, hat sich intensiv mit den Religionen auseinandersetzt und schließlich den Islam gewählt.  Er sagt: „Um sich für den Islam zu entscheiden und Muslim zu werden, bedarf es eines Anstoßes  für die Bewegung in Richtung Wahrheit und einer Vorbereitung  zu dieser Entscheidung.  Obwohl ich davon überzeugt bin, dass alle Propheten nach der Wahrheit gestrebt haben und sie die Menschen lehren wollten, hat meine Seele erst beim Islam Ruhe gefunden,  denn ich bin vielen Widersprüchen zwischen den Religionen und der Haltung und dem Verhalten der Menschen begegnet.“

 

Yahya Bonaud hat in einem Gespräch über den Verlauf seines religiösen und geistigen Lebens gesagt: „Bevor ich Muslim geworden bin, war ich noch nicht einmal ein richtiger Christ, wie die Mehrheit der Europäer, die  nicht religiös sind. Als ich auf das Gymnasium ging, habe ich nach Neuem gesucht und war nicht mit dem Weg einverstanden, den man mir vorstellte. Da ich mein Ideal nicht im Christentum fand, wandte ich mich vollständig von ihm ab ...“

Als  Professor Bonaud sich auf seine Doktorarbeit vorbereitete, lernte er zwei Bücher kennen, nämlich Scharh-i dua-i sahar (Kommentar zum Gebet vor dem ersten Morgenlicht) und Misbah ul hidayat (Licht der Rechtleitung). Beide Werke waren von dem Begründer der Islamischen Republik Iran, Imam Chomeini, über den Bonaud zuvor keine klaren Kenntnisse besessen hatte. Nach Bekanntschaft mit diesen beiden Büchern beschloss er, seine Doktorarbeit den  philosophischen und gnostischen Werken des Imams zu widmen. Bonaud berichtet: „Als ich die  Titel der Bücher von Imam Chomeini sah, dachte ich zunächst, dass es sich vielleicht um politische Texte handelt, aber nachdem ich ein wenig darin gelesen hatte, merkte ich, dass sie voller lebendiger religiöser Mystik sind. Meine Begeisterung für den Imam wurde so groß, dass ich mich entschloss, sein wahres Gesicht zu zeigen und eine  Doktorarbeit über die  philosophischen und gnostischen Werken von Imam Chomeini  vorzulegen. Ich wollte mich  für das, was ich ihm schulde, erkenntlich  zeigen.“

 

Der Titel der Doktorarbeit Bonauds  in Französisch lautete sinngemäß:   „Die Theologie in den philosophischen und gnostischen Werken von Imam Chomeini“. Zur Vollendung seiner Arbeit reiste er 1991 in den Iran und  ließ sich in  Maschhad im Nordosten Irans nieder, wo die Heilige Ruhestätte von Imam Ridha (F) steht. Dort  besuchte er die Seminare für Islamische Philosophie und Gnostik des Gelehrten Ajatollah Seyyed Dschalaleddin Aschtiyani. Als Bonaud 1995 seine  Doktorarbeit  abgeschlossen hatte,  legte er sie im gleichen Jahr an der Sorbonne in Frankreich vor. Die  Sorbonne  überließ ihm einen Lehrstuhl, aber er kehrte nach Maschhad zurück. Darüber sagt er: „Es fiel mir schwer weit weg von Imam Ridha (F) zu sein. Und so habe ich die  wissenschaftliche Karriere  laufen lassen  und bin trotz aller Schwierigkeiten, die es gab, nach Maschhad gekommen, damit ich in der Nähe Imam Ridhas bleibe.“

                            

Bonaud war ein guter  Korankenner. Dschamal Taheri, der Leiter der Märtyrer -Edoardo Agnelli -Gemeinschaft bedauert den frühen Tod dieses Wissenschaftlers. Er  sagt: „Wir sind immer noch schockiert, denn er war ein großes Kapital der Schiiten. Er hat in Europa angesichts der Welle der Islamophobie   und  des Misstrauens gegenüber Islam und Muslimen eine Webseite namens „Al Iman“ eröffnet, auf der er - inmitten der vielen wahhabitischen Webseiten - in  einer einfachen Sprache den Islam für die Französischsprachigen erklärt.  Er hat im Sahar-Auslandsdienst der IRIB als Religionsgelehrter schöne Übersetzungen von Gebeten für die Zuschauer in Europa vorgelegt und  über religiöse Themen, die Koranauslegung und Mystik gesprochen. Bonaud  wurde von vielen Sachkundigen als jemand betrachtet, der ausgezeichnet Auskunft  über die muslimischen Persönlichkeiten in Wissenschaft, Kultur und Religion weltweit geben kann.“ 

Die Doktorarbeit  von Professor Bonaud  wurde unter dem Titel L'Imam Khomeyni, un gnostique méconnu du XXe siècle - Imam Chomeini,  ein unbekannter Gnostiker des 20. Jahrhunderts - veröffentlicht.  Im Jahre 1999 wurde dieses Werk im Iran   als  auserlesene Forschungsarbeit des Jahres preisgekrönt. Nach Verteidigung seiner Doktorarbeit kehrte Bonaud erneut in den Iran zurück und verbrachte 15 Jahre lang in Maschhad.

Im Gefolge seiner wissenschaftlichen Vertiefung in Philosophie und Mystik  setzte sich Professor Bonaud mit der Theosophie des iranischen Gelehrten Mulla Sadra auseinander und wirkte als Postdoktorand an der französischen Universität.

                        

Eines der größten Anliegen war für Professor Bonaud die Übersetzung und Erklärung des Korans auf Französisch. Er hat den Koran ein gewaltiges und wunderbares Buch genannt, welches Gott herabgesandt und dem Menschen als hohes Pfand anvertraut hat. Er sagte, kein anderes Lebewesen außer der Mensch wäre in der Lage gewesen, dieses Buch zu behüten. Um die Botschaft des Korans zu übermitteln und den wahren Islam vorzustellen, begann Professor Bonaud mit der Übersetzung und Erklärung des Korans. Das Institut Tardschoman-e Wai (für Übertragungen des Korans in andere Sprachen) in Qum, hat im Jahre 2000 die  Koranübersetzung von Professor Bonaud herausgegeben. Sie zeichnet sich durch einen flüssigen Stil aus, enthält kurze Erklärungen zum Inhalt,  und im Anhang  werden einige Begriffe des Korans erklärt.  

Außerdem hat Professor Bonaud einige Werke von Imam Chomeini ins Französische übersetzt, nämlich über Sufismus und islamische Gnostik, die Lehre der Islamischen Revolution,  und den größten Dschihad – den Kampf gegen das eigene Ego.

Bonaud wollte sich mit seinen Forschungen dafür einsetzen, den wahren Islam vorzustellen. Er hat gesagt: „Ich habe immer versucht, anderen das Islamische Wissen zu vermitteln. Die anderen haben dies auch  begrüßt und sie sind heute wie ich Muslim. Ich zweifle nicht an dem Weg, den ich gegangen bin, um den Islam zu akzeptieren und bin  von ganzem Herzen  von ihm überzeugt.“

                                  

Bonaud sieht in der Vereinigung von Religiosität und Rationalität die Lösung für die Beseitigung der Probleme der Menschheit. Für ihn sind beide zusammen auch das Geheimnis, um alle Welt erfolgreich mit dem Islam vertraut zu machen. 

Bonaud ist nicht der letzte Muslim aus Frankreich. In diesem  europäischen Land wenden sich immer mehr Frauen und Männer, obwohl sie in einer westlichen Kultur und im Christentum aufgewachsen sind, dem Islam zu und reihen sich zu den vielen Muslimen, die sich zum Gemeinschaftsgebet in den Moscheen versammeln.  Im Büro der Pariser Großmoschee haben sie die Sätze la ilaha il-allah und Muhammad rasulullah – „es gibt keinen Gott außer Allah“ und „Mohammad ist Sein Gesandter“ gesprochen und wurden mit diesem einfachen Bekenntnis Muslim.

            

Ob sie sich nun dabei zu den Schiiten oder den Sunniten zählen, ist im Grunde nicht das Wichtigste.  Vielmehr ist wichtig, dass ihnen jeden Tag immer bewusster wird, wie vollendet der Islam ist. Es lässt sich behaupten, dass die westliche Welt insbesondere Frankreich noch  nie dermaßen Zeuge der Zuwendung zum Islam gewesen ist. Nach Schätzungen bekennen sich täglich im Durchschnitt 10 Menschen in Paris zum Islam. Professor Bonaud vertrat die  Ansicht, dass die Suche nach den moralischen Werten ein wichtiger Grund für diese Bekenntnisbewegung in Frankreich ist, und dass  der Islam im täglichen Leben wie ein helles Weglicht wirkt.

 

Nun ist Professor Bonaud - Yahya Ahlawi - zu Seinem Herrn zurückgekehrt. Mögen ihn die jahrzehntelangen Verdienste um den Islam im Jenseits begleiten.

 

 

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